Russische Schriftsteller und Charles Dickens: ein Dialog über Grenzen und Epochen hinweg
Zusammenfassung: Dieser Artikel untersucht das Phänomen des tiefgreifenden und facettenreichen Einflusses von Charles Dickens auf die russische Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es werden nicht nur Fragen der direkten Übernahme analysiert, sondern auch der einzigartige Prozess der kreativen Verarbeitung, der Polemik und der „Beherrschung“ dickenscher Motive im Kontext spezifischer russischer sozial-philosophischer Suchbewegungen.
„Dickens, den wir gefunden haben“: das Ausmaß des Einflusses
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Charles Dickens für Russland wohl zum meistgelesenen und verehrten ausländischen Autor. Seine Romane wurden fast zeitgleich mit den englischen Ausgaben in Zeitschriften veröffentlicht und lösten einen Boom aus. Das Phänomen bestand nicht nur in der Popularität, sondern im Gefühl der russischen Schriftsteller und Kritiker einer erstaunlichen Verwandtschaft Dickens’ mit der „russischen Seele“. Wissarion Belinski sah in ihm den „Dichter der Armen“, und Dostojewski nannte in seiner berühmten Rede über Puschkin den englischen Romanautor in einer Reihe mit Shakespeare und Cervantes als Schriftsteller, die das „Allgemeinmenschliche“ zum Ausdruck brachten.
Interessante Tatsache: Der erste Übersetzer von Dickens ins Russische war selbst W. G. Belinski. 1838 veröffentlichte er die Übersetzung der Weihnachtsgeschichte „Der Kampf des Lebens“ und leitete damit die Massenbegeisterung für den Schriftsteller ein.
Tiefgründige Parallelen und kreative Polemik
Die russischen Klassiker übernahmen von Dickens nicht nur den sozialen Pathos, sondern auch ästhetische Prinzipien, die kreativ neu interpretiert wurden.
F. M. Dostojewski: von den „Gedemütigten und Beleidigten“ zum „Untergrund“.
Dickens’ Welt der Londoner Elendsviertel, der „kleinen Leute“ und sozialen Gegensätze fand direkte Resonanz in Dostojewskis Frühwerk („Arme Leute“). Doch der russische Schriftsteller ging in der psychologischen Analyse weiter. Während bei Dickens das Böse oft personifiziert ist (der böse Oligarch, der grausame Vormund), interessiert Dostojewski die Metaphysik des Bösen in der menschlichen Seele. Die Bilder leidender Kinder (Nelly in „Gedemütigte und Beleidigte“) verweisen auf dickenssche Waisen, gewinnen jedoch eine tragische, fast biblische Tiefe. Dostojewski selbst nannte Dickens einen großen christlichen Schriftsteller und schätzte in ihm das „unbeschreiblich rührende“ Element.
L. N. Tolstoi: paradoxe Annäherung.
Auf den ersten Blick scheint der epische, „gemächliche“ Tolstoi weit entfernt vom sentimentalen und grotesken Dickens. Doch gerade Tolstoi stellte ihn über alle zeitgenössischen europäischen Romanautoren. Verbunden waren sie durch einen moralischen Imperativ, den Glauben an die Besserung des Menschen durch Gewissen und Liebe. Das dickenssche Motiv der moralischen Wiedergeburt des Geizhalses Scrooge („Weihnachtslied“) findet eine kraftvolle Fortsetzung in der Geschichte der geistigen Auferstehung von Iwan Iljitsch oder Nekljudow. Beide Schriftsteller suchten auf ihre Weise Wege zur Weltverwandlung nicht durch Revolution, sondern durch persönliche moralische Anstrengung.
N. W. Gogol und M. E. Saltykow-Schtschedrin: Groteske und Satire.
Hier zeigte sich der Einfluss im Bereich der Poetik. Dickens’ Talent zur Schaffung karikaturhafter, grotesker Typen (Mr. Bumble, Uriah Heep) war mit der künstlerischen Welt Gogols und besonders Saltykow-Schtschedrins verwandt. Die russischen Satiriker trieben die dickenssche Hyperbel und Ironie bis an die Grenze der Phantasmagorie und nutzten diese Mittel für unerbittliche Kritik an der russischen Bürokratie und sozialen Übeln. Schtschedrin, der oft als „russischer Dickens“ bezeichnet wurde, war dabei wesentlich unerbittlicher und weniger sentimental.
Loyalitätskonflikt auf dickenssche Weise in der russischen Literatur
Das Leitmotiv dickensscher Handlungen – der Konflikt zwischen Pflicht, Gefühl und familiärer Loyalität – fand in Russland einen besonderen Nährboden.
In „Dombey und Sohn“ ist es die Tragödie des kleinen Paul, der zwischen dem kalten Vater und der liebenden Schwester zerrissen ist.
In „Kleine Dorrit“ die Geschichte einer Familie, gefesselt von Schuld und Gefängnismauern.
In der russischen Literatur wurde dieses Motiv vertieft und philosophisch aufgeladen. Bei Dostojewski erleben in „Die Brüder Karamasow“ Iwan und Aljoscha nicht nur einen Familienkonflikt, sondern eine metaphysische Zwietracht zwischen der Pflicht gegenüber der „weltlichen Harmonie“ und der Loyalität zu leidenden Kindern. Bei Tolstoi steht in „Anna Karenina“ die Hauptfigur in einem unauflösbaren Konflikt zwischen Loyalität gegenüber gesellschaftlichen Konventionen, der Pflicht gegenüber Ehemann und Sohn und der Treue zum eigenen Gefühl. Russische Schriftsteller, die die dickenssche Dramaturgie seelischer Qualen verinnerlicht hatten, überführten sie von der sozial-alltäglichen in die existenzielle Ebene.
Interessante Tatsache: In Dostojewskis persönlicher Bibliothek ist die vollständige 30-bändige Werkausgabe von Dickens in englischer Sprache mit zahlreichen Anmerkungen des Schriftstellers erhalten geblieben. Besonders reich an Notizen sind die Bände mit den Romanen „Bleak House“ und „Unser gemeinsamer Freund“.
Schlussfolgerung: kein Nachahmen, sondern ein Dialog auf Augenhöhe
Der Einfluss Dickens’ auf die russische Literatur ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eine große nationale Kultur nicht blind kopiert, sondern fremde Erfahrungen selektiv assimiliert und in einen organischen Teil der eigenen Tradition verwandelt. Russische Schriftsteller übernahmen von Dickens das Mitgefühl für die „Gedemütigten und Beleidigten“, das Interesse an der „zufälligen Familie“, die Meisterschaft in der Schaffung lebendiger sozialer und psychologischer Typen. Doch sie bereicherten dieses Material mit beispiellosem Psychologismus (Dostojewski), epischem Umfang (Tolstoi) und satirischer Schärfe (Schtschedrin). So wurde der Dialog der russischen Klassiker mit Dickens zu einem Dialog der Gleichberechtigten, bei dem die Schüler schnell zu Lehrern wurden und auf der Grundlage gemeinsamer humanistischer Prinzipien ihr eigenes, unverwechselbares künstlerisches Universum schufen. Diese kreative Synthese prägte maßgeblich das goldene Zeitalter der russischen Prosa und ihre weltweite Bedeutung.
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