Der Mond war immer ein naher und gleichzeitig unzugänglicher Begleiter. Aber die Rückseite des Mondes, die durch das synchrone Drehen von Menschenaugen verborgen blieb, war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ein Symbol des Unbekannten. Heute wissen wir mehr über dieses Halbkugel als je zuvor — aber genau dort lauern immer noch die Haupträtsel des natürlichen Erdtrabanten.
Der Grund ist der sogenannte synchrone (prätidales) Ergreifen. Der Mond bewegt sich um die Erde mit demselben Zeitraum, mit dem er um seine eigene Achse dreht. Der Zeitraum der Rotation stimmt mit dem orbitalen Bewegungszeitraum überein, daher ist nur eines der beiden Hemisphären von der Erde aus sichtbar. Die Rückseite ist ständig von uns abgewandt. Dies ist nicht ein Schatten, nicht eine ewige Nacht — sie erhält genau so viel Sonnenlicht wie die sichtbare Seite. Es erreichen nur ihre Strahlen nie den Beobachter auf der Erde.
Bis zur Zeitalter des Weltraums war die Rückseite des Mondes eine absolute terra incognita. Einige Astronomen vermuteten, dass dort eine Atmosphäre, Wasser oder sogar unbekannte Lebensformen existieren könnten. In der wissenschaftlichen Fiktion wurden Bilder verlassener Mondkulturen gezeichnet. Erst im Jahr 1959 vollführte die sowjetische Automatikstation «Luna-3» einen historischen Umflug und übertrug die ersten Fotos. Das Menschengeschoss sah zum ersten Mal das, was Milliarden Jahre lang verborgen blieb.
Das erste, was die Wissenschaftler überraschte, war, dass auf der Rückseite fast keine Mondmeere, breite dunkle Bereiche, gefüllt mit erstarrter Basaltlava, vorhanden sind. Wenn auf der sichtbaren Seite «Ozeane» und «Meere» etwa 31% der Oberfläche einnehmen, so beträgt der Anteil auf der Rückseite nur 1–2%. Der Grund liegt in der unterschiedlichen Dicke der Mondkruste. Auf der Rückseite ist die Kruste erheblich dicker, und die Basaltschmelze konnte nicht zur Oberfläche vordringen, um glatte dunkle Ebenen zu bilden.
Auf der Rückseite dominieren Berge, Krater und die größte bekannte ударliche Struktur des Sonnensystems — das Becken Südpol-Eisenkern. Der Durchmesser dieses riesigen Kraters beträgt etwa 2500 Kilometer, und die Tiefe bis zu 13 Kilometern. Viele Berggipfel auf der Rückseite sind höher als die, die von der Erde aus sichtbar sind.
Das Ausdruck «dunkle Seite des Mondes» wird oft für die Rückseite verwendet. Aber das ist aus astronomischer Sicht falsch. Die Rückseite ist nicht dunkel — sie erhält während der Mondtage genau so viel Sonnenlicht. Die Popularisierung des Begriffs wurde durch den kultigen Album von Pink Floyd «The Dark Side of the Moon» gefördert. Obwohl die Musiker einen philosophischen Sinn in den Titel einbrachten, hat sich der mythologische Akzent für das Rückenseite festgesetzt.
Nach «Luna-3» setzte die Sowjetunion ihre Forschungen fort. Die Raumsonden «Zond-3» (1965), «Luna-12» (1966) und die Reihe der orbitalen Stationen «Luna-10», «Luna-12», «Luna-14» sammelten detaillierte Fotos. Doch erst im Jahr 2019 kam eine neue Ära in der Geschichte der Menschheit: der chinesische Apparat «Chang'e-4» landete erstmals auf der Rückseite des Mondes. Der Landeplatz war der Krater Karman innerhalb des Beckens Südpol-Eisenkern. Der Landemodul und der Rover «Yutu-2» arbeiten dort noch, untersuchen die Geologie und die Strahlungsbedingungen.
Die Rückseite des Mondes ist ein ideales Ort für Radioastronomie. Sie ist ständig vor Erdgeräuschen geschützt, was es ermöglicht, Beobachtungen im niederfrequenten Bereich durchzuführen, die aus der Erdatmosphäre und den Radiointerferenzen nicht zugänglich sind. In der Krater Daguer haben chinesische Ingenieure den ersten experimentellen Radioteleskop aufgestellt. Außerdem enthält die Struktur der Kruste der Rückseite Schlüssel zur frühen Geschichte des Sonnensystems: hier gibt es weniger Spuren vulkanischer Umwandlung, und die Gesteinslagen sind älter als in den Basaltmeeren.
Bis zu den ersten Fotos war die Rückseite der Mond ein idealer Ort für Konspirationslegenden. Es wurde erzählt, dass es eine geheime Nazi-Basis auf dem Mond, Trümmerteile eines außerirdischen Raumschiffs und sogar eine geheimgehaltene amerikanische Mission gibt. Aber alle Fotos, die seit 1959 erhalten wurden, zeigen eine tote, felsige Wüste, bedeckt mit Kratern. Keine künstlichen Strukturen oder Anomalien wurden von den orbitalen Apparaten erfasst.
Die Rückseite des Mondes bleibt eine Priorität. China plant die Mission «Chang'e-6» zur Lieferung von Gestein aus dem Becken Südpol-Eisenkern. Russland erwägt im Rahmen des Mondprogramms die Landung im Bereich des Kraters Boguslawsky. Der Bau der ersten bewohnbaren Basis auf dem Mond könnte ebenfalls die Rückseite betreffen, wenn der niederfrequenten Radiointerferometer absolute Stille erfordern würde. Allerdings sind die ingenieurtechnischen Herausforderungen groß: Die Verbindung zur Rückseite ist nur über Satelliten-Relay-Stationen wie dem chinesischen «Queqiao» («Soricher Brücke») möglich.
Die Rückseite des Mondes ist nicht mehr eine unsichtbare, aber sie hat nicht aufgehört, zu überraschen. Die dicke Kruste, das Fehlen von Meeren, die gigantischen ударные структуры und der wissenschaftliche Potenzial machen sie zu einer einzigartigen Laboratorium. Die Weltraumagenturen schauen immer aktiver in ihre Richtung, und möglicherweise wird der Mensch in den nächsten Jahrzehnten endlich auf diese Ränder treten — dort, wo niemals die Erde am Horizont aufsteigt.
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