In russischen Volkserzählungen ist der Bär eine besondere Figur. Er ist nicht die Luchs, der Hase oder der Wolf. Er ist riesig, stark, ungeschickt, aber gleichzeitig freundlich und gerecht. Sein Bild hat sich vom heidnischen Totem bis zum komischen Schläfer gewandelt. Warum wurde der Bär fast zum Haupttier der russischen Folklore? Und wie unterscheidet er sich von «Kollegen» in europäischen Märchen? Lassen Sie uns das klären.
Bei den Slawen wurde der Bär als heiliges Tier, das Wesen Wodas (des Viehbogens), angesehen. Man fürchtete und verehrte ihn. Selbst das Name «Bär» ist ein Euphemismus («Wissender Honig»), um das wahre Name (ber) nicht zu nennen. In Märchen tritt er oft als Richter, Verteidiger der Schwachen, Herr des Waldkönigreichs auf. Er kann für Gier bestrafen, einem Waisen helfen oder einem Held belohnen. Im Gegensatz zum Wolf, der oft dumm und hungrig ist, ist der Bär besonnen. Obwohl er auch komische Züge nicht vermissen lässt.
Das bekannteste Märchen über den Bär ist «Masha und der Bär». Hier ist er kein Bösewicht. Er frisst die Mädchen nicht, sondern nimmt sie zu sich in das Häuschen, damit sie das Haus führen. Der Bär spielt die Rolle eines «Hausgeistes» oder sogar eines Stellvaters. Er ist ungeschickt, aber nicht grausam. Und seine Phrase «setze dich nicht auf den Haufen, esse keinen Kuchen» ist ein Zeichen dafür, dass er die Lebensmittel für Masha aufbewahren will, nicht aus Neugier. Am Ende täuscht Masha ihn aus (versteckt sich im Kiste), aber der Bär ist nicht sauer — er versteht, dass das Mädchen nach Hause will.
In dem Märchen «Mann und Bär» (oder «Oben und unten») tritt der Bär als dümmer Partner auf. Der Mann macht mit dem Bären einen Deal, den Ernte zu teilen: einer nimmt die Triebe, der andere die Wurzeln. Der Bär wählt jedes Mal die falsche Teil (dann Rübe mit Blatt, dann Weizen mit Korn). Am Ende bleibt nichts übrig. Dies ist das Bild eines dämlichen Bären, der stark, aber nicht klug ist. Doch auch wenn er betrogen wird, tötet er den Mann nicht — er geht in den Wald. Dies betont seine Friedfertigkeit.
In dem Märchen «Medwedschko, Uschnja, Gorjana und Dubjana» hilft der Bär Iwan-OTSar. Und in einigen Szenarien («Prinzessin-Medweditschka») tritt er als Werwolf auf, ein Mann in einem Bärshaut. Die Schönheit heiratet den Bären, und dann wirft er die Haut ab und stellt sich heraus als guter junger Mann. Solche Szenarien verweisen auf totemische Ehen, bei denen der Bär der Ahn des Menschen ist.
In westlichen Märchen wird der Bär oft zum Freund des Menschen. Winnie-the-Pooh ist ein plüschiges, faules, aber gutes Wesen. Paddington ist ein Emigrant aus Peru, höflich und witzig. Balto (aus dem Film) ist nicht ein Bär, sondern ein Wolf, aber im Allgemeinen ist das Bild des Bären in europäischen Märchen (z.B. «Bruder Bär») ein Symbol der Wildnis, das den Menschen zur Bescheidenheit lehrt. Im Gegensatz zum russischen Bären sind westliche Bären häufig kindlich oder sentimental. Aggressive Bären (wie in der «Legende vom Bärenmensch») sind selten, eher in Horrorgeschichten.
Im Gegensatz zum Wolf (der eine Großmutter essen kann) oder dem Drachen Gorynych (offenes Böse), wird der Bär fast niemals zu einem negativen Helden. Warum? Weil unsere Vorfahren neben dem Bären lebten, seine Kraft respektierten, ihn aber nicht als Feind ansahen. Der Bär ist ein Konkurrent (liebt Honig, kann auf Vieh angreifen), aber nicht ein Mörder aus bösem Willen. Im Bauernbewusstsein ist er «Herr», ein gleicher Arbeiter, nur mit Füßen. Selbst im Märchen «Teremok» kommt er als Letzter und zerstört den Teremok nicht aus bösem Willen, sondern aus seiner eigenen Bärenkraft.
In der modernen Popkultur ist der Bär aus den Märchen in ein Meme verwandelt worden. Der Zeichentrickfilm «Masha und Bär» hat ihn zum geduldigen Babysitter gemacht, der von den Streichen des Mädchens müde ist. In dem Film «Varwara-krasа, dlinnaja kosа» ist der Bär ein positiver Charakter, der dem Helden hilft. Das Bild bleibt ein guter Schläfer. Und das ist gut. Berühren Sie unseren Bären nicht.
Der Bär in den Märchen ist ein Spiegelbild des Verhältnisses des Menschen zur Natur. Es ist komplex: Angst und Respekt, das Streben nach Unterwerfung und das Anerkennen der Kraft. Am Ende bleibt der Bär aber ein Freund. Selbst wenn er manchmal Honig stiehlt.
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