Obwohl Lazar (El) Lissitzky formell kein Lehrer oder Student des Bauhauses war, war sein Einfluss auf die Schule in einer Schlüsselphase ihrer Transformation (1921-1925) tiefgreifend und konzeptionell. Lissitzky wurde der Hauptbrücke zwischen den radikalen Ideen des russischen Avantgardes (Suprematismus und Konstruktivismus) und dem europäischen Modernismus, verkörpert durch das Bauhaus. Seine Mission bestand nicht darin, einfache ästhetische Formen zu übertragen, sondern eine neue Philosophie des Kunst als sozialer Ingenieuraktivität zu fördern, was mit dem inneren Krisis und der Neubewertung der Ziele der deutschen Schule übereinstimmte.
Lissitzky kam Ende 1921 nach Berlin als Vertreter der sowjetischen Kultur im Rahmen der Politik des kulturellen Austauschs. Er integrierte sich schnell in den europäischen Avantgard, und sein direkter Kontakt mit dem Bauhaus wurde durch eine persönliche und künstlerische Verbindung zu seinem ersten «Formenmeister» — Johannes Itten — hergestellt. Später, bereits unter dem neuen Direktor Walter Gropius und dem jungen Lehrer László Moholy-Nagy, wurden die Kontakte systematisch. Lissitzky brachte nicht nur Ideen mit, sondern wurde ein energischer Kurator und Popularisator dieser Ideen im Westen.
Als Lissitzky ankam, befand sich das Bauhaus im Übergang von der expressionistischen-mystischen Phase (an der Spitze von Itten) zur rational-produktiven. Lissitzky gab mit seinen Arbeiten und Vorträgen einen starken Impuls für diesen Wechsel.
Schlüssige Aspekte seines Einflusses:
Proun als Laboratoriumsmodell. Lissitzky brachte in Europa seine Erfindung — «Proun» (Projekt zur Bestätigung des Neuen). Dies waren nicht nur abstrakte Kompositionen, sondern «Übersetzungshäuser von der Malerei zur Architektur», Forschungsmodelle des neuen räumlichen Denkens. Im Bauhaus, wo noch über das Verhältnis von Kunst und Handwerk gestritten wurde, zeigten die Prouны, wie reines Formenbildung (Suprematismus) zur Grundlage für utilitäres Design werden kann. Sie zeigten Design als Prozess, der mit einem abstrakten Experiment beginnt.
Die Idee des Ingenieurkünstlers. Lissitzky verkündete den Verzicht auf individuelles Kunstwerk zugunsten kollektiven Schaffens «Konstrukteure», die soziale Aufgaben lösen. Sein berühmter Satz «Künstler — Katalysator des neuen sozialen Organismus» attackierte direkt die romantischen Vorstellungen vom Künstlergenie und klang für die Befürworter der Annäherung an die Industrie innerhalb des Bauhauses, insbesondere für Moholy-Nagy und den zukünftigen Direktor Hannes Meyer.
Typografie als Kommunikationsmittel. 1923 gründeten Lissitzky und Ilya Ehrenburg in Berlin die Zeitschrift «Vещь» (Veshch/Gegenstand/Objet), die zur Tribüne des neuen internationalen Konstruktivismus wurde. Sein Layout und visuelle Sprache — die asymmetrische Satz, die Kombination von Schriften verschiedener Intensität, Fotomontage, dynamische Kompositionen — waren für die Bauen für ein Offenbarung. Er zeigte, wie Grafikdesign nicht nur schmücken, sondern strukturell Informationen organisieren kann, ein Instrument der Ideologie und der Massenkommunikation sein kann. Dies hatte direkt Einfluss auf die Entwicklung der Typografie im Bauhaus unter der Leitung von Herbert Bayer und Jost Schmidt.
Ausstellung 1922 in Halle. Lissitzky entwarf für sie den berühmten «Proun-Zaal» — eine totale Installation, wo der Betrachter in eine dynamische abstrakte Komposition aus Flächen, Linien und Farbe gerät. Diese Arbeit, wie ein Magnet, zog Avantgardisten aus ganz Deutschland an, einschließlich der Bauen, und wurde ein sichtbares Beispiel für den projektbasierten Ansatz zur Ausstellungsräume.
Zeitschrift des Bauhauses. Lissitzky veröffentlichte aktiv in den Veröffentlichungen der Schule, propagierte Ideen des kollektiven Arbeitens und funktionalen Kunst.
Personliche Kommunikation. Seine Diskussionen mit Gropius, Moholy-Nagy, zukünftigen Studenten (wie dem zukünftigen Architekten Marcel Breuer) in Berlin und während der Besuche in Weimar waren nicht weniger wichtig als formelle Vorträge.
Das offensichtlichste Einfluss von Lissitzky ist in zwei Bereichen zu verfolgen:
Graphischer Design des Bauhauses. Seine Prinzipien der Asymmetrie, der Akzent auf sans-serif-Schriften, die Verwendung von Fotomontage und geometrischen modularen Rastersystemen lagen in der Grundlage des Markenstils des Bauhauses der Dessau-Ära. Die Arbeiten von Herbert Bayer sind eine direkte Entwicklung der Typografie-Ideen von Lissitzky.
Exponatdesign. Das Verständnis der Ausstellung als eines einzigen Organismus, wo Architektur, Graphik, Licht und der Bewegung des Betrachters auf eine gemeinsame Idee arbeiten, wurde für die Bauen-Ausstellungen (z.B. die Ausstellung 1923 in Weimar) und später für die Ausstellungspavillons von Lissitzky in der UdSSR entscheidend.
Der Einfluss von Lissitzky war nicht eindeutig. Sein radikaler sozialer Pafos («Kunst — Leben bauen») wurde manchmal als zu politisiert und utopisch empfunden. Das Bauhaus, insbesondere unter der Leitung von Gropius, strebte nach einem pragmatischeren Synthese von Kunst, Handwerk und Industrie ohne offene politische Verpflichtung. Doch genau diese Auseinandersetzung der Ideen, diese Spannung zwischen russischem sozialen Ingenieurprojektierung und deutscher Sachlichkeit (Substanz) bereicherte die theoretische Grundlage der Schule.
El Lissitzky wurde nicht Teil des Fakultäts des Bauhauses, aber wurde Architekt des Dialogs zwischen zwei mächtigsten künstlerischen Systemen des beginnenden Jahrhunderts. Er brachte in die Schule nicht fertige Antworten, sondern einen neuen Satz von Fragen und methodologischen Werkzeugen mit: Projektgedanke, Akzent auf Kommunikation, Glaube an die transformierende Kraft des kollektiven Schaffens. Seine Rolle war katalytisch: Er beschleunigte die innere Evolution des Bauhauses von der Handwerks- und Kunstwerkstatt zum Institut des modernen Designs und der visuellen Kommunikation. Ohne den «russischen Virus» Lissitzky und den mitgebrachten Konstruktivistischen Impuls hätte das Bauhaus möglicherweise nicht die einzigartige Kraft und historische Bedeutung erlangt, die es zur Hauptschule des Designs des 20. Jahrhunderts machte. Sein Erbe im Bauhaus ist das Erbe einer Idee, die stärker als institutionelle Grenzen war.
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