Die Feiertage von Neujahr und Weihnachten im russischen Kino sind nicht nur ein dekorativer Hintergrund, sondern ein mächtiger kultureller Code, ein semiotischer Knoten, der die Transformationen des nationalen Bewusstseins über mehr als einhundert Jahre hinweg widerspiegelt. Ihre Darstellung hat eine komplexe Evolution durchlaufen: von den vorrevolutionären Heiligen-Nacht-Geschichten bis zur sowjetischen Weihnachtsgeschichte und dem postsowjetischen Synthese der Traditionen.
Im frühen russischen Kino (Filme von Alexander Drankov, Wladislaw Staritschew) und im Werk der Regisseure der Emigration dominierte der rassistische Narrativ, verankert in der orthodoxen Tradition und der literarischen Klassik. Die Grundlage bildeten die Heiligen-Nacht-Geschichten nach den Werken von N. Leskow, A. Tschechow, F. Dostojewski, wo der Festtag zur Zeit der wunderbaren Verwandlung, des moralischen Einblicks und der Barmherzigkeit wurde («Der Junge bei Christus auf dem Baum»). Die Schlüsselattribute waren: die Weihnachtsstern, der Baum des Paradieses, der Motiv des Versöhnens und der Hilfe für den Leidenden. Diese Filme bestätigten die Werte der christlichen Liebe und der familiären Wärme in der Ära sozialer Umstürze. In der Emigrantendokumentation (z.B. im Werk von Donatas Banionis) wurde Weihnachten oft zum nostalgischen Symbol der verlorenen Russland, ihres seelischen Stils.
Ab Mitte der 1930er Jahre, nach der Aufhebung des Verbots der Tanne (1935), findet eine grundlegende Transformation statt: Weihnachten als religiöser Festtag wird vollständig aus dem Kinoraum verdrängt, und seine Symbolik (Tanne, Geschenke, Festivitäten) wird semiotisch neu geladen und an den Neujahrstag angehängt. Dieser Festtag wurde als die Hauptutopie der Sowjetunion konstruiert: die Zeit des allgemeinen Gleichheits, der Freude, der Erfüllung der Wünsche und des Glaubens an eine glänzende Zukunft. Er ist ideologisch neutral, frei von religiösem Kontext, aber gefüllt mit der Magie des staatlichen Massen.
Kultige sowjetische Komödien wurden das «säkulare Evangelium» des neuen Festes:
«Karnavalnaja noch» (1956) von Eldar Ryazanov — ein kanonischer Text, wo der Neujahr wird zum Symbol des Sieges der Jugend, des Schaffens und der Ehrlichkeit über die Bürokratie, den versteinerten Beamtenformalismus (Ippolit). Dies ist ein Fest als soziale Therapie.
«Ironija sudby, ili S legkim parom!» (1975) von Eldar Ryazanov verwandelte den Neujahr in ein Raum der wunderbaren Zufälligkeit, die die Alltagsroutine umkehren und eine Chance auf wahre Liebe geben kann. Das Bad, die Tanne, der Klang der Kirchenglocken und die Lieder unter der Gitarre wurden zu einem universellen Ritual für das gesamte Land.
«Charodei» (1982) von Konstantin Bromberg brachte die magische Komponente bis zum Absoluten, darstellte den Neujahr als die Zeit, in der jedes Wunder möglich ist, und Güte und Liebe als die stärksten Magie.
Interessanter Fakt: Der Charakter des Weihnachtsmanns, der erstmals in der vorrevolutionären Dokumentation als volkstümliches Bild auftrat, wurde im sowjetischen Kino (Film «Morozko», 1964) endgültig legalisiert als Hauptspender, der heiligen Nikolaus (Santa Claus) ersetzte. Seine Begleiterin Snegurotschka, ein Charakter aus der pièce de théâtre von A.N. Ostrowski, wurde ein einzigartiges sowjetisches Ergänzung zum Kanon, das in der westlichen Tradition keine Ähnlichkeiten hat.
Nach 1991 kehrt Weihnachten als vollwertiger Festtag zurück, aber oft in einer eklectischen, kommerziellen oder nostalgischen Form. Es entstehen mehrere Schlüsseltrends:
Nostalgie nach dem sowjetischen Neujahr: Der hellste Beispiel — die Filmreihe «Ёлки», die bewusst die Modell der «Ironija sudby» (Verschlingung der Schicksale am Vorabend des Festes) reproduziert, aber in einem modernen, multiculturalen und umfangreichen Stil. Dies ist ein Versuch, eine neue nationale Festivitätsgeschichte zu schaffen. Ein interessantes Werk ist der Film von Oleg Jankowskij "Prichod' na mju wseihat'".
Die Rückkehr der Weihnachtsthema: Oft in der Form der Adaptation westlicher Sujets («Weihnachtsgeschichten») oder im autorenhaften Kino als Zeit der Bestandsaufnahme, des Krisis und des Glaubens (z.B. in den Dramen von Dmitri Meschijew).
Die Dekonstruktion des Mythos: In einigen autorenhaften Arbeiten (z.B. in «Gruz 200» von Alexej Balabanow, 2007) wird die neujährliche Symbolik für die Schaffung eines harten Kontrasts verwendet, um den Absurd und die Grausamkeit der umgebenden Realität zu betonen, und damit die süße Legende der sowjetischen Vergangenheit zu widerlegen.
Die Evolution des Bildes von Neujahr und Weihnachten im russischen Kino ist ein Spiegel der sozial-kulturellen Transformationen. Vom spirituellen kammerweisen Weihnachten bis zum ideologischen Zeitraum — zur globalen, magischen-staatlichen Utopie des sowjetischen Neujahrs — und dann zur komplexen postsowjetischen Eklectik, in der Nostalgie, wiedergewonnene religiöse Bedeutungen und kommerzielle Ausbeutung des festlichen Mythos nebeneinander existieren. Diese Festtage im Kino haben eine entscheidende Rolle gespielt: Sie haben ein gemeinsames emotionales und symbolisches Raum für das Publikum konstruiert, eine Modell des idealen Welts vorgeschlagen (sowjetische Legende) oder zur Zeit der Prüfung und Neubewertung der Werte geworden (im autorenhaften Kino). Auf diese Weise hat der Kino nicht nur widergespiegelt, sondern aktiv an der Bildung des wichtigsten «festlichen Mythos» der Nation teilgenommen.
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