Im Shintōismus, der alten japanischen Religion, ist der Tanz (jap. mai, 舞) nicht nur Kunst, sondern ein sakrales Handeln, eine Form der Kommunikation mit den Kами (Göttern oder Geistern). Sein Ziel ist nicht das ästhetische Vergnügen des Publikums, sondern die Teilnahme am kosmischen Ordnung, die Anziehung von Gnade, die Beruhigung der Elemente und die Ausdrucksform der Dankbarkeit. Hier ist der Tanz eine Gebet in Bewegung, eine sichtbare Verkörperung der unsichtbaren Kraft.
Die Wurzeln des rituellen Tanzes gehen in die tiefsten Schichten der shintōistischen Mythologie zurück. Laut dem Text des «Kojiki» (8. Jahrhundert) wird die Göttin Amé-no-Udzmé zur Urmutter des Tanzes. Als die Sonnengöttin Amaterasu sich in einer Höhle versteckte und die Welt in Dunkelheit versank, vollführte Amé-no-Udzmé einen ekstatischen, ja erotischen Tanz auf dem umgedrehten Topf. Ihr Wutausbruch und die rhythmischen Bewegungen lösten so lautes Lachen der versammelten Götter aus, dass die neugierige Amaterasu aus ihrem Versteck hervorschoss und das Licht zurückkehrte. Dieser Mythos stellt den Tanz als kosmogonisch bedeutendes Handeln dar, das die Aufmerksamkeit der Götter anziehen und Harmonie wiederherstellen kann.
Rituelle Tänze lassen sich in zwei große Kategorien einteilen:
Kagura (神楽) — wörtlich «Freude der Götter». Dies ist ein allgemeiner Name für Tempeltänze, die während der Feste (matsuri) aufgeführt werden. Kagura gibt es in zwei Arten:
Mikagura — höfische Kagura, streng reguliert, in der Kaiserlichen Residenz oder in großen Schreinen in Ehren der himmlischen Götter aufgeführt. Dies sind langsame, majestätische Bewegungen unter dem Klang von Flöten, Zitronen und rituellen Rufen.
Sato-kagura — «ländliche Kagura», vielseitiger und lebhafter. Sie umfasst sowohl Zeremonien als auch aufwendige Aufführungen mit Masken und Kostümen, die mythische Szenarien oder historische Ereignisse darstellen.
Kagura-mai — die direkte Tanzteilung des Kagura-Ritus. Die Ausführenden sind oft Mikos (Tempeldamen, Dienerinnen) oder speziell ausgebildete Priester. Die Bewegungen der Mikos sind fließend, kreisförmig und verwenden rituelle Gegenstände: Äste des heiligen Baumes Sakaki, Glöckchen, Schirme oder Schwerter. Ein Schirm symbolisiert z.B. den heiligen Berg oder den Geist des Kами.
Löwentanz (Shishimai): Ein weit verbreiteter Tanz in ganz Japan, bei dem die Ausführenden sich unter einem Löwenkostüm (shishi) verstecken, das als schützender Geist gilt. Seine energischen Sprünge und das Knarren des Mauls «verzehren» böse Geister und bringen Glück. Oft sieht man, wie der «Löwe» die Köpfe des Publikums beißt — dies wird als mächtiges Segen angesehen.
Fuchs-Tanz (Kitsune-mai): Im Schrein Fushimi Inari in Kyoto, der dem Reisgöttin und den Füchsen als Boten (kitsune) gewidmet ist, kann man einen besonderen Tanz beobachten. Die Tänzerinnen in Fuchsmasken vollführen faszinierende Pausen, die Bewegungen dieser klugen Geister nachahmend, um Inari-sama zu ehren.
Bugaku: Obwohl diese Richtung aus dem kontinentalen Asien (China, Korea, Indien) nach Japan kam, wurde sie vom kaiserlichen Hof assimiliert und zur Teil der shintōistischen Zeremonien. Dies sind komplexe, theatralische Tänze in grotesken Masken und prächtigen Kostümen, die den Kampf zwischen Gut und Böse darstellen.
Ekstatische Tänze: In einigen lokalen Traditionen (z.B. in den Ritualen der Bergmönche Yamabushi oder während einzelner Matsuri) können die Tänze in einen Trancezustand führen. Die Ausführenden glauben, dass in diesem Moment der Kами in sie einkehrt und sie zu seinem Boten oder Orakel wird.
Jedes Bewegung im shintōistischen Tanz ist symbolisch. Die Kreise, die die Tänzer beschreiben, symbolisieren die Zyklizität der Natur und die Einheit des Universums. Das Stoßen der Füße (fumi-dasi) ist nicht nur Rhythmus, sondern auch Akt des «Verfestigens» des Bodens, der Bestätigung des eigenen Vorhandenseins im heiligen Raum und der Vertreibung der unheiligen Kraft nach unten. Das Heben der Hände ist ein Aufruf an die göttlichen Kами, das Senken — die Übertragung der Energie auf den Boden.
Zeitgenössigkeit: Bis heute bleibt der Tanz in Tausenden von shintōistischen Schreinen in ganz Japan ein lebendiger und unverzichtbarer Teil der religiösen Praxis. Feste wie das großartige Gion Matsuri in Kyoto oder das Kamekakure in Ise wären ohne Prozessionen mit rituellen Palanquins (mikoshi), die, schaukelnd in einem speziellen Rhythmus, ebenfalls eine Form des kollektiven «Tanzes» darstellen, die die Gemeinschaft vereint, undenkbar.
Auf diese Weise ist der Tanz im Shintōismus eine Sprache, auf der die Menschheit mit den Göttern spricht, und eine Sprache, auf der die Götter auf die Menschen antworten. Dies ist das dynamische Zentrum des Ritus, wo der Mythos zum Leben erwacht und die Grenze zwischen Profanem und Sakralem für einen Moment in dem hypnotischen Rhythmus der Bewegungen, die in die tiefsten Anfänge der japanischen Spiritualität zurückreichen, verschwimmt.
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