Im künstlerischen Kosmos Iwan Schmeljews, der in der autobiografischen Epos «Sommergott» (1927–1948) errichtet wurde, nimmt der Tag der Erinnerung an den Heiligen Nikolaus von Myra (19. Dezember nach altem Stil, 6. Dezember nach neuem — «Nikolaus Winter») eine besondere, strategisch wichtige Stelle ein. Er ist nicht einfach nur einer der vielen Festtage im Jahreskreis, sondern ein sakraler Tor, der erste leuchtende Aufblitz im vorweihnachtlichen Zeitraum, ein Ereignis, das für ein Kind (und durch es — für den Leser) die Einführung in die Welt der Wunder, der Barmherzigkeit und der lebendigen Gegenwart des Heiligen im täglichen Leben wird.
«Nikolaus Winter» eröffnet das Kapitel «Feste» in dem Buch und geht dem Weihnachten voraus. Diese Reihenfolge ist tief symbolisch: der heilige Nikolaus, verehrt als «schneller Helfer» und Vorbild des Weihnachtsmanns, bereitet seelisch und emotional die Seele auf den Einzug in die Welt Christi vor. Er ist ein guter, mächtiger und naher Fürsprecher, der das Kind lehrt, an das unsichtbare, aber reale Eingreifen himmlischer Kräfte in die irdischen Angelegenheiten zu glauben.
Bei Schmeljew erscheint der heilige Nikolaus nicht als abstraktes kirchliches Konzept, sondern als vollständiger Charakter des familiären und städtischen Lebens.
Persönlicher Fürsprecher des Jungen Wania: Bereits in den ersten Zeilen des Kapitels tritt der Motiv der persönlichen Verbindung auf: «Bei mir — mein Nikolaus Ugodnik…». Das Kind spürt, dass er sein eigener besonderer Schirmherr ist, zu dem man mit jeder kindlichen Bitte kommen kann.
«Wirtschaftlicher» Heiliger: Schmeljew beschreibt im Detail, wie das Bild des Heiligen Nikolaus in den wirtschaftlichen und sozialen Aufbau alter Moskau eingewoben ist. Auf Nikolaus wurden Geschäfte abgeschlossen, Schulden beglichen («nikolaischer Rubel»), Dienstleister eingestellt. Der Heilige fungiert als Garant für Ehrlichkeit und geschäftliche Gerechtigkeit. Gorkin erklärt dem Jungen: «Nikolaus — Hilfe für alles … daher wurde ihm auch ein Fest gesetzt — Nikolaus-Begründer».
Moskauer Heiliger: Das Handeln konzentriert sich um die Nikolaus-Griechische Kirche an der Nikolskaya-Straße (nahe dem Chinaried), wo die verehrte Ikone des Heiligen aufbewahrt wurde. Die Reise dorthin ist ein ganzes Abenteuer in die «andere Moskau», die Welt der Kaufleute, Fuhrleute, Pilger. Schmeljew schafft das Gefühl, dass die ganze Stadt an diesem Tag im Rhythmus des Festes ihres himmlischen Patrons lebt.
Der zentrale Episod ist die Erfüllung eines heiligen kindlichen Wunsches. Der Junge Wania, nachgehört von Geschichten über die Wunder des Heiligen, bittet in der Einfachheit seines Herzens um die Ikone … «um dass der Frost nicht böse ist». Und seine Bitte wird auf eine wunderbare Weise «erfüllt»: der heftige Frost lässt tatsächlich für eine Weile nach. Für den Erwachsenen könnte das ein Zufall sein, aber für das Kind ein offensichtliches und freudiges Wunder, das die Realität des Glaubens bestätigt.
Dieser Moment ist entscheidend: Schmeljew zeigt, wie der Glaube nicht aus Dogmen, sondern aus persönlichem, fast alltäglichen Erfahrung der gütigen Gunst himmlischer Kräfte entsteht. Das Wunder ist nicht groß und universell, sondern leise und häuslich, angepasst an das kindliche Verständnis.
Licht und Feuer: Das Kapitel ist mit Bildern des Lichts gefüllt: von den Flammen in den Ikonenlaternen und Kerzen bis zu den «rosa» von Frost verfärbten Gesichtern und dem glitzernden Schnee. Das ist das Licht der Freude und der Hoffnung, das der Festtag mitbringt.
Frost: Nicht eine feindliche Kraft, sondern ein Teil des göttlichen Reiches, den man durch den Heiligen «um bitten» kann. Der Frost ist hier das Symbol der Prüfung, die durch den Glauben überwunden wird.
Kuchen-«Nikolaus»: Das rituelle Gericht — ein großer Kuchen mit einem Kreuzmuster, den man in jedem Haus backt und von dem man einen Teil den Armen gibt. Das ist ein Symbol der Einheit der Familie und der Barmherzigkeit, die «heilige Mahlzeit», die alle im Fest vereint.
Stimmen Moskaus: Schmeljew überträgt meisterhaft den Klang der Festtage — den festlichen Klang der «vierzig vierzig», das Kratzen der Schlittenketten, die Rufe der Händler («Nikolaus auf dem Heu!» — Verkauf von Heu), der spezifische Dialekt der Fuhrleute und Pilger. Der Heilige hört diesen allgemeinen Klang der Messe und des Trubels.
Theologischer und anthropologischer Sinn
Die Beschreibung des Festes bei Schmeljew ist eine tiefere Theologie in Form von kunstvoller Sprache.
Der Heilige als Brücke zwischen Gott und dem Menschen: Nikolaus Ugodnik wird als zugänglicher, verständlicher Mittler für Kinder gezeigt, durch den göttliche Güte in die Welt einfacher menschlicher Notigkeiten niedersteigt.
Sakralisierung des Alltags: Der gesamte Alltag — von kommerziellen Berechnungen bis zur Backen des Kuchens — wird durch die Erinnerung an den Heiligen heilig gemacht. Der Glaube ist nicht eine separate Sphäre, sondern die Grundlage des gesamten Lebensstils.
Pädagogik des Glaubens: Das Fest wird für das Kind zu einem lebendigen Unterricht der Barmherzigkeit (Spende von Almosen), des Vertrauens (Messe und ihre Erfüllung) und der Gemeinschaft (Vereinigung aller Stände im Tempel).
Schmeljew hat eine einzigartige moskauische, Kaufleute-Mещан-Tradition der Verehrung von «Nikolaus Winter» festgehalten, die nach der Revolution fast vollständig verloren ging. Seine Beschreibung ist ein wertvoller ethnographischer und historischer Dokument, der bewahrt:
Die Spezifik des vorrevolutionären moskauischen Glaubens.
Rituale, die mit dem Fest verbunden sind (Besuch bestimmter Kirchen, «nikolaische» Handelsbräuche).
Die Sprache und Typologie der Figuren der verlorenen Epoche.
Das Kapitel über den Nikolaus Winter bei Schmeljew ist ein kleines Meisterwerk, in dem alle Hauptmerkmale seines Schaffens fokussiert sind: die Vergeistigung des materiellen Welten, die kindliche Perspektive als Quelle der Echtheit, die Synthese hoher Theologie und reichhaltigen Lebensbeschreibens, die Nostalgie der verlorenen Einheit des nationalen Lebens.
Der Tag des Heiligen Nikolaus wird für den Schriftsteller zum Symbol eines guten, einfühlsamen und wunderbaren Beginns in der Welt. Durch diesen Fest geht der Held (und mit ihm der Leser) innerlich reif für die Begegnung mit einem noch größeren Wunder — der Geburt Christi. Das Wunder «von Nikolaus» ist wie eine Garantie, dass die Himmel offen sind und zuhören. Auf diese Weise beschreibt Schmeljew nicht nur den Fest, sondern baut eine poetische Theologie der kindlichen Glaubens, wo der heilige Nikolaus der erste und nahere Freund und Fürsprecher am Tor in den riesigen, komplexen und schönen Welt des göttlichen Jahres, in «Sommergott des günstigen».
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