Kabarett (von frz. cabaret — «Kneipe») ist ein einzigartiges Phänomen, das seit seiner Entstehung auf der Kante zwischen elitärem Kunst, Massenunterhaltung und sozial-politischer Satire balanciert. Dieses synthetische Raum, das Musik, Tanz, Poesie, Drama, visuelle Kunst und Kochkunst vereint, diente während seiner 140-jährigen Geschichte als Barometer der gesellschaftlichen Stimmung, als Laboratorium ästhetischer Experimente und als Tribüne für marginalisierte Stimmen.
Die Geburt des Kabaretts ist mit einem Protest gegen den kommerziellen Theater und das akademische Kunst verbunden. Seine Wiege war Paris, wo der Künstler Rudolf Salis am 18. November 1881 das «Schwarze Katze» (Le Chat Noir) auf dem Montmartre eröffnete. Dies war nicht nur ein Café, sondern ein «künstlerischer Kneipe», wo die Stammgäste — Dichter, Musiker, Künstler — selbst Vorstellungen für sich und solche wie sie schufen. Hier wurde das Format des «Chansonniers», improvisierter Sketche und des Schattentheaters geboren. Der Erfolg des «Schwarzen Katers» führte zu einer Welle von Nachahmungen: «Moulin Rouge» (1889) mit seinem berühmten Cancan, «La Pâtinoire» und andere.
Wesentliche Merkmale des frühen Kabaretts:
Atmosphäre eines privaten Clubs: Intimität, das Auslöschen der Grenze zwischen Bühne und Saal.
Eklectizität des Programms: Während eines Abends konnten ein Dichter-Symbolist, ein Liedermacher, ein Zauberkünstler und eine Tänzerin auftreten.
Satire auf die Bourgeoisie: Der Witz war auf die bürgerlichen Sitten und die Politik gerichtet.
Der eigentliche Aufschwung und die Politisierung des Kabaretts fanden im deutschen Sprachraum, insbesondere in Berlin und Zürich während der Weimarer Republik, statt.
«Schall und Rauch» (Berlin): Gegründet von Max Reinhardt im Jahr 1901, wurde es später zu einem legendären Kabarett der 1920er Jahre, wo Militarismus, Heuchelei und Nationalismus verspottet wurden. Hier traten Dramatiker wie Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky, die Dada-Künstlerin Hannah Höch auf.
«Kabarett Voltaire» (Zürich, 1916): Entstanden als antikrieglicher Protest. Die Dichter-Emigranten Tristan Tzara, Hugo Ball, die Künstler Hans Arp und Marcel Janco schufen hier die Dada-Bewegung — ein absurdistischer, epatierender Gegenentwurf an das Wahnsinn der Weltkriege. Ihre Performances (Klanggedichte, gleichzeitige Lesungen) brachen die Vorstellungen vom Kunst.
«Kabarett Elf Ermittler» (München): Eines der schärfsten politischen Kabaretts, whose scharfen Texte bereits Anfang der 1930er Jahre Ziel der Nazis wurden.
Phänomen des Weimarer Kabaretts: Dies war ein «Tanz auf dem Vulkan» — eine Mischung aus Hoffnungslosigkeit, Hedonismus und scharfer gesellschaftlicher Kritik, verkörpert in den Bildern der Kabarettistin Anita Berber, in den Texten von Klabund und K.I. Krol.
Mit der Machtübernahme der Nazis wurde die blühende Kultur des Kabaretts zerstört. Viele Künstler (Kurt Weill, Marlene Dietrich) emigrierten. In Deutschland selbst wurde das Kabarett zu einem Propagandainstrument oder floh in tiefes Untergrund. Allerdings setzten einige Kabaretts (z.B. «Foli-Bergère») in besetztem Paris weiter ihre Arbeit fort, und in den Konzentrationslagern (Theresienstadt) entstanden Lagerkabaretts als Form geistigen Widerstands.
Nach dem Krieg spaltete sich das Kabarett in mehrere Zweige:
Politisches Kabarett (Kabarett) in Deutschland und Osteuropa: In der BRD und der DDR wurden satirische Kabaretts wiedergeboren, die die neue Macht kritisierten, die Denazifizierung und später den Kalten Krieg (das münchner «Lacher und Schiessen»). In den sozialistischen Ländern (Polen, Tschechoslowakei) war das Kabarett ein Insel der ironischen Kritik am Regime.
Kabarett als Varieté-Show (Cabaret): Auf dem Westen, insbesondere unter dem Einfluss des Broadway-Musicals «Cabaret» (1966, nach den Büchern von Christopher Isherwood), wurde das Wort mit Glamour-Shows, Burlesque und Nachtclubs in Verbindung gebracht. Das Pariser «Lido» und «Crazy Horse» wurden durch ihre großartigen Revues mit prächtigen Kostümen und komplexen Nummern berühmt.
Das moderne Kabarett ist nicht ein einheitlicher Genre, sondern ein Ökosystem verschiedener Praktiken:
Neoburlesque und New Wave Kabarett: Die Wiederbelebung des Burlesks (Burlesque-Revue von Dita von Teese) nicht als Striptease, sondern als theatralisierten, oft feministischen oder queer-Kunst, die das Thema des Körpers, des Geschlechts und der Sexualität untersucht. Moderne Kollektive (Pussy Riot in ihren frühen Aktionen, «Imperial Russian Ballet» in Berlin) nutzen seine Ästhetik für politische Aussagen.
Immersives und site-specific Kabarett: Aufführungen in untypischen Räumen — verlassenen Fabriken, Orangerien, Zügen. Der Zuschauer wird zu einem Mitakteur. Sleep No More in New York ist ein beeindruckendes Beispiel für immersiven Theater mit starkem Einfluss der Kabarettsästhetik.
Kabarett als Identitätsforschung: Viele moderne Künstler nutzen die Form des Kabaretts (Monolog, Lied, Tanz) für Gespräche über Trauma, Migration, Behinderung, geistige Gesundheit. Dies ist Therapie und Aktivismus durch Performance.
Digitales Kabarett: Die Pandemie COVID-19 beschleunigte die Entstehung des Online-Kabaretts — Streaming-Shows, die die Heimintimität mit einer globalen Öffentlichkeit kombinieren.
Alternative Bühne: Plattform für Künstler und Themen, die nicht in den Mainstream-Theater oder die Pop-Industrie passen.
Sozialer Kritiker: Hat die Rolle des satirischen Spiegels der Gesellschaft beibehalten (wie in den deutschen Kabaretts oder den russischen Fernsehprojekten wie «Kривое зеркало», deren Wurzeln in dieser Tradition liegen).
Raum für Gemeinschaft: Bringt Menschen mit ähnlichen Interessen zusammen (queer-Kabarett, poetische Slams in Bars).
Hüter der «niederen» Genres: Legitimiert und fördert Formen, die für marginalisiert galten: Clownerie, Pantomime, Stand-up, exzentrischer Tanz.
Von «Le Chat Noir» bis zu digitalen Performances hat das Kabarett seine erstaunliche Lebensfähigkeit bewiesen. Sein Wesen liegt in der Hybridität, Aktualität und Intimität. Dies ist kein Museumsobjekt, sondern ein lebender Organismus, der sich ständig neu erfindet, indem er auf die Herausforderungen der Zeit reagiert. In der Ära der algorithmisierten Kultur und standardisierten Unterhaltung bleibt das Kabarett ein Terrain des Risikos, direkter Äußerung und menschlichen Kontakts. Es erinnert daran, dass Kunst an einem Tisch unter Gläsern geboren werden kann, und Lachen und Reflexion zwei Seiten einer Medaille sein können. Die Geschichte des Kabaretts ist eine Geschichte des Kampfes um das Recht, anders zu sein, scharf zu sprechen und gleichzeitig ein Kunstwerk zu bleiben, das nicht vor Unernstigkeit zurückschreckt, um über das Allerwichtigste zu sprechen.
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