Das Weihnachten in der Literatur von Astrid Lindgren (1907-2002) ist nicht nur ein festlicher Hintergrund, sondern ein tiefgründiges, mehrdimensionales und oft ambivalentes Bild, in dem das reine Wunder des kindlichen Erlebens auf die materielle Realität, Einsamkeit, Armut und soziale Ungerechtigkeit trifft. Im Gegensatz zu den idyllischen Bildern von Enid Blyton schafft Lindgren keine universelle Utopie. Ihr Weihnachten ist ein Fest mit einer Risse, wo Magie existiert, aber sie brüchig ist und oft menschliches Mitgefühl und Mut erfordert, um sich zu manifestieren.
Für viele Helden von Lindgren, insbesondere die Kleinsten, ist das Weihnachtswunder etwas Selbstverständliches, ein Teil der Ordnung der Welt.
Das kleine Mädchen und Karlsson (1955-1968): Für das kleine Mädchen (Svanter) ist das Warten auf Weihnachten und Geschenke ein wichtiger Teil des Lebens. Aber der Schlüsselbund in der Erzählung «Karlsson, der auf dem Dach lebt, ist wieder zurückgekommen» ist die Begegnung mit Karlsson. Das gemeinsame Schmücken des Baumes, auch wenn es mit Scherzen (Karlsson isst alle Leckereien, die für den Tomte bestimmt waren — den schwedischen Hausgeist) passiert, ist ein Fest der wahren, informellen, kindlichen Freude über die formelle Ritualität. Karlsson, selbst eine Verkörperung des kindlichen Egozentrismus und der Phantasie, wird der beste Begleiter auf dem Fest. Für Lindgren ist das Wunder nicht im idealen Ordnung, sondern in der Freiheit und Ehrlichkeit.
«Emil aus Lönneberga» (1963): Die Weihnachtskapitel hier sind voll von warmer, aber nicht ohne Ironie und Humor. Die Vorbereitung auf das Fest in der Bauernfamilie wird durch die Abenteuer von Emil gezeigt, der, trotz all seiner Streiche, im Herzen auf ein Wunder wartet. Lindgren zeigt Weihnachten als familiäres Fest mit der alltäglichen, «duftenden» Konkretik (Geruch von Wurst, Zubereitung von Wurstwaren), was das Wunder irdisch und fühlbar macht.
Lindgren, die in einer Bauernfamilie aufgewachsen ist und selbst Schwierigkeiten durchgemacht hat, schließt die Augen niemals davor, dass Weihnachten nicht nur eine Zeit der Freude sein kann.
«Rony, die Tochter des Piraten» (1981): In dieser fantastischen Erzählung gibt es keinen direkten Weihnachtsgeschichte, aber ihre Hauptthema — das Überwinden von Feindschaft und das Entstehen von Mitgefühl — ist die Essenz des Weihnachtsgeistes im tiefsten, humanistischen Sinne. Das Versöhnen der Clans durch die Liebe der Kinder — das ist das Wunder, ähnlich wie das Weihnachtswunder.
Das tiefgreifendste Beispiel für das «dunkle» Weihnachten ist die Geschichte «Weihnachten im Katthult-Hof» (aus der Reihe über Emil). Hier beschreibt Lindgren nicht das Fest in der Familie des Hauptcharakters, sondern das Weihnachten des Bauern Alfred und der Dienstmädchen Lina. Sie haben kein eigenes Haus, sie sind arm. Ihr Fest ist eine bescheidene Mahlzeit in der Kammer, aber sie ist so ehrlich warm und besorgt füreinander, dass sie nicht weniger, sondern vielleicht sogar mehr authentisch ist als ein reiches Fest. Lindgren zeigt das soziale Ungleichheit sanft, aber klar, ohne die Würde ihrer Helden zu zerstören.
Bei Lindgren sind die Kinder nicht passive Empfänger von Geschenken, sondern oft aktive Teilnehmer, ja sogar Schöpfer des Weihnachtswunders für andere.
«Pippi Langstrumpf» (1945): Pippi, selbst eine Waise und ein sozialer Außenseiter, wird die Hauptspenderin und Organisatorin des Festes. Auf ihrer Weihnachtsfeier versammeln sich alle Kinder der Stadt, einschließlich der einsamsten. Sie ist großzügig, erfinderisch und bricht alle Konventionen. Ihr Fest ist ein Fest der grenzenlosen kindlichen Großzügigkeit und Phantasie über die langweiligen Erwachsenenregeln. Pippi rettet Weihnachten vor der Langeweile.
Madicken aus Unibackken (1960): Madicken und ihre Schwester Lina glauben aufrichtig an die Magie, aber ihr Glaube ist aktiv. Sie bereiten Geschenke vor, versuchen anderen zu helfen (z.B. einer alleinstehenden Nachbarin). Ihr Weihnachten ist ein Prozess der Schöpfung von Gutem, in dem sie selbst eine Schlüsselrolle spielen.
In einigen Werken von Lindgren wird Weihnachten zum Moment des existentiellen Erwachens, des Zusammenpralls mit der harten Wahrheit des Lebens.
«Die Brüder mit dem Löwenherzen» (1973): Zu Beginn des Romans tröstet der sterbende jüngere Bruder Jonathan seinen Bruder Karl (Rasmus) vor Weihnachten, indem er ihm eine Geschichte von Nangia, einem Land, in das sie nach dem Tod gelangen, erzählt. Das Vorweihnachtszeit ist hier von Trauer, Angst vor dem Tod und der unvermeidlichen Trennung gefärbt. Aber die Geschichte von Nangia wird zu einem eigenen «Weihnachtsgewissen» — einem Versprechen eines anderen Art von Wunder, eines nachträglichen Wiedersehens und Abenteuers. Dies ist ein Weihnachten, das ohne den alltäglichen Komfort ist, aber mit metaphysischer Hoffnung gefüllt.
Lindgren vermittelt fein den nationalen Charakter des schwedischen Weihnachtsfestes (jul):
Die Figur des jul tomte (Weihnachtsgeistes/Hausgeistes), nicht des Santas. Dies ist ein älterer Geist, der mit dem Haus und der Farm verbunden ist, der Geschenke bringt. Er ist näher der Natur und dem häuslichen Kamin, was die Idee von Lindgren von dem Fest als häuslichem, intimeren Ereignis widerspiegelt.
Kult des Gemütlichkeit (mys). Wichtig sind nicht nur Geschenke, sondern auch die Atmosphäre: das Licht der Kerzen, der Geruch von Zimtgebäck (pepparkakor), das gemeinsame Lesen oder Singen. Lindgren preist diese einfache, nicht materialistische Freude.
Für Astrid Lindgren ist Weihnachten nicht ein Zustand des Friedens, sondern ein Zustand der Seele, das man auch in unvollkommenen Umständen schaffen kann. Ihre Position ist weit von süßem Optimismus und Zynismus entfernt.
Die Magie ist real, aber sie lebt nicht in der Kommerz, sondern in der kindlichen Phantasie, der Bereitschaft zu glauben und zu schaffen.
Das Fest beseitigt nicht die sozialen Probleme, aber es kann sie erhellen und, im Idealfall, Anlass für das menschliche Solidarität werden (wie bei Pippi oder in der Geschichte über Alfred und Lina).
Das Hauptwunder ist nicht der empfangene Geschenk, sondern der geschenkte. Die aktive Güte des Kindes (oder des Erwachsenen, der die kindliche Seele bewahrt, wie Karlsson) ist das höchste Ausdruck des Weihnachtsgeistes.
Auf diese Weise integriert Astrid Lindgren das Weihnachten nicht nur in ihre humanistische Philosophie, wo die Kindheit heilig ist, Gerechtigkeit notwendig ist und das Vorstellungskraft eine rettende Kraft ist. Ihr Weihnachten ist ein Fest mit offenen Augen, wo das Wunder umso wertvoller ist, je mehr es durch die Dickicht der realen Schwierigkeiten durchbricht, und je stärker es ist, je mehr es von dem reinsten und mutigsten Wesen auf der Welt — dem Kind — kommt.
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