Das Glaube daran, dass das Haustier und andere Tiere an Heiligabend oder während der gesamten Weihnachtszeit die Rede des Menschen erhalten, ist eines der poetischsten und tief verwurzeltesten europäischen (einschließlich slawischen) Volkstraditionen. Dieser Motiv, der über das einfache volkstümliche Kuriosum hinausgeht, stellt ein komplexes synkretisches Bild dar, in dem bischöfliche animistische Glaubensvorstellungen, christliche Symbolik und die praktische bäuerliche Ethik verschlungen sind.
Die Wurzeln dieses Glaubens gehen zurück auf archaische Vorstellungen von der universellen Animierung der Natur und dem "Grenzbereich". Der Weihnachtszeit, insbesondere die Nacht zum Heiligen Abend, wurde als sakrale Zeitlücke empfunden, in der die gewohnten Gesetze des Universums verletzt werden: die Himmel öffnen sich, die Grenze zwischen dem Leben und dem Toten verschmilzt, und die Natur bleibt still, um das Wunder der Inkarnation der Götter zu erwarten. In diesem Kontext stellt die Rede der Tiere als Teil des allgemeinen Wunders und Zeichen ihrer Teilnahme am höheren Offenbarung dar.
Es gibt mehrere key narativische Begründungen dieses Geschenks:
Belohnung für das Schweigen: Der am häufigsten in der slawischen Volksliteratur vorkommende Plot besagt, dass die Tiere, die sich im Stall befanden, als erste von der Geburt Christi erfuhren und durch ihr ruhiges, respektvolles Verhalten (oder, nach anderen Versionen, durch das Wärmen des Neugeborenen mit Atem) die Gnade verdienten. Als Belohnung erhalten sie einmal im Jahr die Möglichkeit zu sprechen.
Beweis des Wunders: Nach westeuropäischen Legenden (die auch in einigen Regionen Russlands existieren), fallen die Tiere am Heiligen Abend auf die Knie oder drehen sich nach Osten, und sie erhalten auch die Rede, um Gott zu preisen. Diese Überlieferung betont die Idee, dass die gesamte Kreatur, einschließlich der stummen, den Erlöser erkennt.
Erbe des Animismus: In einem älteren, vorchristlichen Bereich war die Fähigkeit der Tiere, an besonderen Kalenderdaten (Sonnwend) zu sprechen, ein Zeichen ihrer Verbindung mit der anderen Welt, der Sphäre der Geister und Ahnen. Das Tier-Pilot wurde ein Vermittler, dessen Worte Zukunftsvorhersagen oder Geheimnisse enthüllen konnten.
Der wichtigste Aspekt dieses Glaubens ist wahrscheinlich nicht der faktische Akt des Sprechens, sondern der Inhalt dieser Rede. Nach zahlreichen ethnographischen Aufzeichnungen (z.B. bei W.I. Dal, S.V. Maximov, in den Materialien der Russischen Geographischen Gesellschaft) führen die Tiere in dieser Nacht nicht einfach "Gerede", sondern führen ernsthafte, oft schicksalhafte Gespräche. Sie können:
Über das schreckliche Behandlung klagend: Die Kuh erzählt dem Pferd von den Peinigungen, das Huhn von der mageren Fütterung. Dies verwandelte das Glaube in ein mächtiges Instrument des moralischen und wirtschaftlichen Erziehung. Das Kind, das solche Geschichten hörte, lernte, dass das Tier nicht nur ein Inventar ist, sondern ein leidendes Wesen, dessen Wohlergehen direkt mit dem Wohl der Familie verbunden ist.
Über die Tod des Hausherrn oder andere Unglücke vorhersagen: Ein häufiger Motiv ist der Gespräch der Tiere darüber, "wer der erste im nächsten Jahr sterben wird" oder "wer im nächsten Jahr gepflügt werden wird". Hier tritt das Tier als Weissager auf, der mit der Welt der Ahnen und dem Schicksal verbunden ist.
Ökonomische Angelegenheiten diskutieren: Ihre " Rede " beschränkte sich oft auf die Bewertung der Arbeit der Familienmitglieder, was das bäuerliche Verständnis des Viehs als vollberechtigtes, wenn auch stummes, Mitglied der gemeinsamen Arbeit widerspiegelte.
Interessanter Fakt: Es bestand ein strenges Tabu auf das Zuhören. Man glaubte, dass ein Mensch, der zugesehen oder zugehört hat, für das Leben, die Gesundheit oder die Stummheit bezahlen müsste. Dieses Verbot betonte die Sakralität des Moments und die Zugehörigkeit des Geschenks der Rede ausschließlich zur anderen Welt, in die der Mensch eindringen sollte. Der Verletzer des Tabus wurde mit der schrecklichen Geheimnis (meistens über seine baldige Tod) bestraft.
Der Motiv der sprechenden Tiere in der Weihnachtszeit fand ein klares Erscheinungsform in der Kultur:
Literatur: In der Geschichte N.S. Leskows "Das Tier. Weihnachtsgeschichte" (1883) zeigt der Hauptcharakter, der Bär, obwohl er nicht menschlich spricht, in der Nacht zum Heiligen Abend ein unerwartetes "menschliches", fast christliches Verhalten - der Verzicht auf den Kampf und die Vergebung der Streitigkeiten - das ist eine metaphorische Verkörperung dieser "Gnade". Der Motiv wird direkter in den vielen Weihnachtsgeschichten für Kinder am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vorkommt, wo der Gespräch der Tiere als Lektion der Güte dient.
Folklore und Ritual: Das Glaube wurde aktiv in pädagogischen Zwecken verwendet. Man erzählte den Kindern, dass, wenn sie schlecht mit dem Vieh umgingen, die Kreatur alles dem Gott oder dem Hausherrn erzählen würde. Dies war eine effektive Form sozialen Kontroll und ökologischen Bewusstseins in der traditionellen Kultur.
Volksorthodoxie: In einigen Regionen bestand die Gewohnheit, das Vieh am Heiligen Abend mit spezieller ritueller Backware ("Kozulki" in Tierform) zu "verwöhnen", um ihre Lage und Gesundheit im neuen Jahr zu gewährleisten. Diese Handlung kann als symbolischer Dialog mit dem "menschlich" in dieser Nacht existierenden Wesen betrachtet werden.
Das Glaube an das Geschenk der Rede der Tiere an Heiligabend ist nicht nur eine volkstümliche Phantasie. Es ist ein komplexer kultureller Code, in dem verschlüsselt sind:
Die theologische Idee der allgemeinen Freude der Kreatur über die Geburt des Erlösers.
Der ethische Imperativ eines humanen, fast partnerschaftlichen Umgangs mit dem Haustier als Mitstreiter in der bäuerlichen Familienarbeit.
Das mythologische Bild der Weihnachtszeit als einer Ära der wunderbaren Verwandlung des gesamten Weltordens.
Ein didaktisches Werkzeug zur Erziehung der Kinder zu Verantwortung, Mitgefühl und Angst vor der Verletzung der heiligen Verbote.
So tritt der "sprechende Vieh" der Weihnachtszeit als wichtiger Bestandteil der traditionellen Weltanschauung in Erscheinung, als verbindendes Glied zwischen Mensch, Natur und Gott, und diese Glaube diente der Harmonisierung der Beziehungen im bäuerlichen Betrieb und der Familie.
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