Für Iwan Sergejewitsch Schmelj (1873–1950) war das Christuskindheitsfest nicht nur ein religiöser Feiertag, sondern ein zentrales Ereignis des Weltalls, das Herz des nationalen und persönlichen Kosmos. Als einer der tiefsten orthodoxen Schriftsteller der russischen Emigration schuf Schmelj in seiner Prosa einen idealisierten, aber durchdringend-authentischen Bild der vorrevolutionären Russland, wo Weihnachten der Hauptakt des jährlichen Wiedererneuerung der Welt war, die verbindende Fäden zwischen Gott, der Natur, der Familie und dem Volk. Seine Beschreibungen des Festes sind kein ethnographischer Bericht, sondern ein theologisches und künstlerisches Forschung der Essenz des Orthodoxismus durch das Spiegel der kindlichen Wahrnehmung.
Das kanonische Bild des Weihnachtens bei Schmelj wird in der Krone seines Werks — dem Roman-Epos "Ljeto Gospodje" (1927–1948) gegeben. Das Buch ist als Zyklus aufgebaut, wo der jährliche Kreis der orthodoxen Feste durch die Erinnerungen des kleinen Jungen Wanja verstanden wird. Der Weihnachtens ist die Schlüsselteil — "Feste". Hier hat Schmelj seine Hauptkreativität verwirklicht: zu zeigen, wie der Glaube den gesamten Lebensstil organisiert, den Alltag durchdringt und ihn in ein Dasein verwandelt.
Struktur des Weihnachtensmythos bei Schmelj: vom Fasten bis zu den Heiligen Dingen
Shmelj beschreibt nicht einen Tag, sondern einen ganzen liturgischen und alltäglichen Zyklus, in dem das Geistige und das Materielle unzertrennlich sind.
Das Weihnachtensfasten (Filippovka): Dies ist keine Zeit der Entbehrungen, sondern eine Periode des freudigen Erwartens, des "lichten Hungers". Die wirtschaftliche Tätigkeit (Vorbereitung von Fleisch, Fisch, Backen) ist heilig durch den Zweck — das Weihnachten würdig zu begrüßen. Sogar die strengen Einschränkungen in der Nahrung werden von einem Kind als Teil der allgemeinen, sinnvollen Vorbereitung empfunden.
Der Heiligen Abend (Kanun Weihnachten): Die Spitze der Erwartung. Schmelj überträgt meisterhaft das Gefühl der wachsenden Heiligkeit. Der ganze Tag ist besonders: Man arbeitet nicht, putzt, bereitet das Sovies (Kost) vor. Der zentrale Moment ist das Erscheinen des "Vifljemska sterzha" (der ersten Abendstern), nach dem die Familie sich für die posten Mahlzeit setzt. Die Welt hält an in der Vorfreude auf das Wunder.
Nacht und Weihnachtensmorgen: Das Kind fährt mit dem Vater in die Kälte auf die Messe. Die Beschreibung des Weges, der Lichter, der Menschenmenge, des Tempels, der mit Licht und Gesang "Christus wird geboren, preist!" erfüllt ist, ist der Apotheose des liturgischen Erlebnisses. Schmelj zeigt nicht die äußere Ritualität, sondern den inneren Erfahrung des Beitritts zu dem größten Ereignis, das "hier und jetzt" passiert.
Das Fest selbst: Freudevolle Mahlzeit, allgemeines Vergnügen, das Gefühl der Vergebung und der Liebe. Ein wichtiger Motiv ist die Einheit aller Stände: In das Haus des Kaufmanns kommen die Armen, die Dienstboten und die Geschäftspartner zu gratulieren. Alle — "in Christus".
Die Heiligen Dinger: Die Fortsetzung des Festes in den volkstümlichen Formen — Kanzel, verkleidete Menschen, Vorhersagen. Schmelj stellt sie nicht der Kirchenität gegenüber, sondern zeigt sie als natürliche, "organische" Teil der orthodoxen Kultur des Volkes, wo der Lacher und das Spiel auch durch die Freude über den Geborenen geheiligt sind.
Syntese von Hoch und Alltäglichem: Die Sprache Schmeljs kombiniert einzigartig Kirchenslawische ("zlatye worti", "nebesnyje kriny") mit der üppigen moskauischen Sprache, dem Kaufmanns- und Dienstboten-Sprachgebrauch. Dies schafft den Effekt des vollständigen Tauchens in die Stimmung.
Symbolik der Nahrung: Die festliche Mahlzeit ist nicht nur eine Speise, sondern ein Symbol des eucharistischen Festmahls, der Einheit und des Reichtums des göttlichen Geschenks. Die Beschreibungen der Gerichte ("Gans mit Äpfeln", "Schweinekopf mit Meerrettich", Brühe, Lebkuchen) werden Teil des heiligen Handlungs.
Licht und Kälte als Symbole: Der durchdringende kalte Moskauer Frost ist keine feindliche Kraft, sondern ein Symbol der Reinigung, der göttlichen Kälte, vor der das Wärme des Glaubens, des häuslichen Herdes und der Tempelschwarten besonders hell leuchtet. Das Licht (von der Stern, der Kerzen, der Laternen, des Eises) ist die Hauptmetapher des Festes.
Die Figur des Vaters: Stark, gerecht, fromm, der Hausherr und Familienvorstand Sergei Iwanowitsch, verkörpert für Schmelj den Ideal des "heiligen Laien", der sein Leben und sein Zuhause nach den Gesetzen des Glaubens anordnet. Seine Rolle in der Vorbereitung und Durchführung des Festes ist entscheidend.
Theologischer Sinn: Weihnachten als Sieg über den Tod
Für den Emigranten Schmelj, der den Verlust seines Sohnes und seiner Heimat erlebt hat, erhielt das Erinnerung an das Weihnachten eine metaphysische Bedeutung. Dies war kein nostalgischer Flucht, sondern die Bestätigung ewiger, unsterblicher Grundlagen des Seins. In dem Weihnachten sah er die Garantie, dass der zerstörte Welt "Heiliger Russland" nicht endgültig verloren ging, da er in dem Ereignis der Inkarnation verwurzelt ist, das außer Zeit liegt. Die Freude Wanjas aus "Ljeto Gospodje" ist die Freude der whole verlorenen Russland, erhalten im Wort als Heiligkeit.
Die Darstellung des Weihnachtens bei Schmelj unterscheidet sich von der russischen Literatur:
Er unterscheidet sich von den Schilderungen des Leskows oder Tschechows durch eine größere liturgische und theologische Fülle.
Unterscheidet sich von der Gogol'schen Tradition mit ihrem Humor und dem Grotesk durch tiefen Lyrismus und das Fehlen von Ironie.
Unterscheidet sich von Dostojewskis Analyse des "Untergrundes" der Seele — einer klaren, sonnigen, fast sündlosen Welt der kindlichen Glauben.
Die Weihnachtskapitel Schmeljs sind mehr als Literatur. Dies ist ein Akt der Schöpfung und des Erhalts der Welt in ihrem idealen, heiligen Zustand. Durch das magisch genaue, mit Bildern und Aromen angereicherte Beschreibung hat er es geschafft, das Weihnachtsfest für jeden Leser ewig zu machen, zugänglich. Sein Werk wurde für die russische Emigration (und später für Russland) zu jenem "Weihnachtenslicht" in der Dunkelheit der historischen Katastrophen, zur Erinnerung an die geistige Heimat, die nicht in der Geographie, sondern im Glauben und in der Erinnerung liegt. Schmelj zeigte das Weihnachten als Wunder des häuslichen, warmen, essbaren Gottes, der nicht als gewalttätiger Richter, sondern als Neugeborener kommt, um den sich die ganze Leben — von der Kirche bis zur Stall, vom Kaufmannshaus bis zur armen Hütte — natürlich und fröhlich versammelt. Dies ist die Hauptkraft und Geheimnis seines Weihnachtensmythos, der seine Texte für viele Generationen zur unverzichtbaren Lektüre im Vorfeld des hellen Festes gemacht hat.
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