Die große Stadt spricht. Sie spricht nicht mit Worten, sondern mit dem Rauschen der Reifen, dem Pfeifen der Autos, dem Schritt von Millionen, dem Lärm der U-Bahn, der Musik aus offenen Fenstern, dem Schreien der Händler, dem Klingeln der Straßenbahnen, dem Donner des Regens auf dem Asphalt. Die Stadt ist eine laute, polyphone Symphonie, in der jeder Klang Teil der Partitur ist. Künstler, Schriftsteller, Musiker, Regisseure haben immer versucht, diesen Stimme zu festhalten. Sie haben den Lärm in Jazzrhythmen, das Elend in literarischen Monologen, den Gespräch der Passanten in Dialoge auf Leinwand übersetzt. Wie spiegelt die Kunst die Akustik des Metropols? Wir analysieren vier Modi der städtischen Stimme.
In der großen Stadt bleibt der Mensch oft allein mit sich selbst. Die Menschenmenge um einen herum, aber niemand, mit dem man ein Wort wechseln kann. Diese akustische Isolation gibt den Monolog — den inneren Stimme, die lauter als der Straßenlärm klingt. In der Literatur ist das der klassische Fall in Dostojewskis «Tagebuch eines Einsamen» oder in den Romanen Franz Kafkas, wo der Held durch die anonymen Straßen spaziert und mit sich selbst spricht. In der Dichtung das Gedicht von Alexander Blok («Nacht, Straße, Laterne, Apotheke…») — kein Dialog, sondern ein versteinertes inneres Schreien. In der Malerei die Werke Edward Hoppers («Die Nachtmänner»), wo die Figuren in Cafés sitzen, aber nicht miteinander kommunizieren, jeder in seinem eigenen Welt. In der Musik die Solopiano-Stücke von Erik Satie, die er «Möbelmusik» nannte — Töne, die keine Antwort erfordern. Der städtische Monolog in der Kunst ist ein Schrei der Einsamkeit in der lauten Leere.
Die Stadt ist ein endloses Gespräch. Der Dialog zwischen Verkäufer und Käufer, zwischen Passagier und Taxifahrer, zwischen Verliebten auf der Bank, zwischen zwei Freunden, die in ein Bar gehen. Diese kurzen, bruchstückhaften Dialoge bilden die Fäden des städtischen Lebens. In der Literatur hat James Joyce das meisterhaft in «Ulysses» dargestellt, wo die Helden Repliken wechseln, ohne sich zuzuhören. Im Theater die Stücke Tennessee Williams oder Edward Albee, wo Gespräche auf der Veranda oder in der Küche Spiegelbilder des städtischen Lebens werden. Im Kino die Dialoge Woody Allens, wo die Helden gleichzeitig sprechen, sich unterbrechen, aber eine Illusion des Verständnisses schaffen. In der Malerei das «Schrei» von Edvard Munch? Nein, das ist eher ein Monolog. Aber die Bilder von Pierre-Auguste Renoir («Der Ball im Moulin de la Galette») — viele Gespräche, Gesten, Blicke. Der Dialog in der Kunst ist eine Poliphonie, wo jeder Stimme Bedeutung hat, aber niemand hört den Gesprächspartner bis zum Ende.
Manchmal tritt die Stadt in den Dialog. Nicht die Menschen, sondern die Stadt selbst: ihre Architektur, das Wetter, die Rhythmen. Der Mensch stellt eine Frage, und die Stadt antwortet mit dem ECHO, dem Ampelsignal, der plötzlichen Kurve der Straße. In der Literatur das «Peterburg» von Andrej Beljajew, wo die Stadt ein lebendes Wesen ist, das mit dem Helden spricht. Im Kino die Filme von Michelangelo Antonioni («Dämmerung», «Nacht»), wo die Helden durch die leeren römischen Straßen gehen, und die Architektur drückt, antwortet auf ihre Stille. In der Musik «Metropolis» von Fritz Lang? Nein, das ist ein Film, aber die Musik von Götfrid Huppert schafft einen Dialog zwischen Maschine und Mensch. In der Dichtung der Zyklus «Moskau» von Marina Tswetajewa, wo die Stadt als Gesprächspartner erscheint: «Moskau! Welcher riesiger gastfreundlicher Gasthaus». Der Dialog zwischen Mensch und Stadt in der Kunst ist immer eine Versuch, eine Einigung zu finden, einen gemeinsamen Ton im Chaos zu finden.
Aber der wichtigste Stimme der Stadt ist der Lärm. Nicht die Melodie, nicht der Rhythmus, sondern der chaotische, dissonante Lärm. Der Motorrauschen, das Klappern der Straßenbahn, die Pfeifen, die Schreie, das Echo der Schritte, der Klang zerschlagenen Glas, die Musik aus fremden Fenstern. Der Lärm ärgert, ermüdet, aber er inspiriert auch Künstler. In der Musik haben die Futuristen das zuerst erkannt: Luigi Russolo schrieb «Kunst der Lärme» (1913), wo er forderte, Stadtgeräusche in die Musik zu integrieren: der Lärm der Züge, das Sputtern des Dampfes, das Klappern der Maschinen. Später hat sich das in der Industrien Musik (Einstürzende Neubauten), im Techno (Rhythmen der U-Bahn), im Ambient (Aufnahme des städtischen Lärms als Musik) entwickelt. In der Malerei der Futurismus von Umberto Boccioni («Die Stadt erhebt sich»), wo Bewegung und Lärm durch zerrissene Formen übertragen werden. In der Literatur der Roman von John Dos Passos «Manhattan», wo Collagen aus Zeitungstiteln, Straßenrufen, Fragmenten der Werbung eingebettet sind. Im Kino die städtischen Symphonien der 1920er Jahre («Der Mensch mit der Kamera» von Dziga Vertov), wo der Lärm der Stadt als musikalischer Montage wird. Der Lärm in der Kunst ist nicht Antimusik, sondern neue Musik, die die Zeit widerspiegelt.
Die Stimme der großen Stadt ist vielfältig. Sie kann ein stiller Monolog des einsamen Menschen am Fenster sein, ein kurzer Dialog im überfüllten Bus, ein Dialog mit den steinernen Wänden der Wolkenkratzer oder ein chaotischer Lärm, der einen taub macht. Die Kunst hat immer versucht, diese Stimme zu festhalten — nicht, um sich davon zu entfernen, sondern um zu verstehen. Zu verstehen, wie wir in diesem Gerede leben, wie wir unter dem Metronom der Schritte atmen, wie wir unter dem Klang der Sirenen lieben. Und vielleicht, wenn wir den Stimme der Stadt verstehen, werden wir auch unser eigenes verstehen.
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