Die Verständigung des Weihnachtsfestes (genauer, des Geburtstages des Propheten Jesus, oder Isa) in der muslimischen Kulturtradition ist ein komplexer und mehrschichtiger Fragestellung, die theologische, soziale und historische Aspekte berührt. Es ist wichtig, sofort zwei Begriffe zu trennen: das Verhältnis zu Jesus (Iesa) im Islam und die Teilnahme am christlichen Weihnachtsfest am 25. Dezember (oder 7. Januar). Das Erste hat tief verwurzelte Wurzeln in der islamischen Tradition, das Zweite ist Gegenstand von Diskussionen in der modernen muslimischen Welt.
Im Islam ist Jesus (arab. Iesa ibn Maryam — «Jesus, der Sohn Marias») einer der greatesten Propheten (nabī) und Botschafter (rasūl) Allāhs, der Muhammad vorausging. Der Koran widmet ihm ganze Suren (Kapitel), zum Beispiel die Sure «Maryam» (Maria).
Seine Geburt wird als Wunder beschrieben: Er wurde von Maria (Marie) durch den Willen Allāhs ohne Vater geboren. Dies ist ein Zeichen für alle Welten.
Seine Mission — die Bestätigung des Tawrat (Torah) und die Verkündigung eines neuen Gesetzes (Injīl — Evangelium). Er vollbrachte Wunder (heilte, belebte Vögel aus Lehm) mit der Erlaubnis Allāhs.
Das entscheidende Unterschied: Islam lehnt kategorisch die Gottheit Jesu, die Dreifaltigkeit und das Kreuzigungsbild ab (nach islamischem Glauben wurde Jesus lebendig in den Himmel erhaben, und auf dem Kreuz war eine andere Person). Somit fehlt im Islam der Dogma der Inkarnation Gottes in einem Menschen, das das Grundverständnis des christlichen Weihnachtsfestes ausmacht.
Im Gegensatz zum Christentum gibt es im Islam kein festgelegtes religiöses Fest zur Ehren des Geburtstages des Propheten Iesa. Die Hauptfeste (Id al-Fitr und Id al-Adha) sind mit dem Ende des Ramadan und der Pilgerfahrt nach Mekka verbunden.
Darüber hinaus ist die Feier des Geburtstages (mawlid) eine späte Praxis. Der Festtag Mawlid an-Nabī (Geburtstag des Propheten Muhammad) wurde erst Jahrhunderte nach seinem Tod begangen und wird nicht in allen Strömungen des Islams anerkannt (z.B. halten die Salafiten ihn für eine Innovation — bid‘a).
Dementsprechend gehört die Feier des Geburtstages des Propheten Iesa nicht zur kanonischen religiösen Praxis des Islams.
Die Frage nach dem Verhältnis der Muslime zum Feiern des christlichen Weihnachtsfestes stellt sich im Kontext des Lebens in multikonfessionellen Gesellschaften.
Der traditionelle konservative Ansatz, der auf Prinzipien der religiösen Reinheit (al-wala wa-l-bara) basiert, verbietet die Teilnahme an religiösen Festen anderer Konfessionen. Viele Theologen glauben, dass Gratulationen, die Verwendung von Symbolen (Tanne, Geschenke), die Teilnahme an Festmahlern der Nachahmung (tašabbuh) sind und die Glaubensstärke des Muslimen schwächen können. Selbst laizistische Attribute (Weihnachtsmann, Geschenkekultur) werden oft als Teil einer fremden religiösen Tradition wahrgenommen.
Der liberale oder kulturwissenschaftliche Ansatz, der unter den Muslimen verbreitet ist, die in westlichen Ländern oder in säkularen Gesellschaften leben, duldet die Teilnahme an der säkularen Teile des Festes. Hier wird Weihnachten als ein allgemeinkulturelles Phänomen, ein Familienfest der Güte und Großzügigkeit, verstanden. Muslime können Geschenke mit Kollegen tauschen, an Betriebsfeiern teilnehmen, das Haus mit «Winter»- und nicht mit «Weihnachts»-Dekoration zu schmücken, und dies als Akt der Höflichkeit und sozialen Integration zu sehen, aber nicht als religiösen Synkretismus.
Ein interessanter Beispiel: In einigen muslimischen Ländern mit starken christlichen Gemeinschaften (Libanon, Ägypten, Syrien, Jordanien, Indonesien, Malaysia) ist Weihnachten ein staatlicher Feiertag oder wird breit gefeiert. Muslime können christlichen Nachbarn gratulieren, an öffentlichen Festlichkeiten teilnehmen, um eine Bürgerliche Solidarität zu zeigen. Dies ist Teil einer alten Kultur des Zusammenlebens.
Für die Muslime Russlands (Tataren, Baschkiren, Völker des Kaukasus und andere) ist Neujahr als säkulärer Feiertag oft bedeutender als Weihnachten. Die Weihnachtskrippe, der Weihnachtsmann («Kys Babay» bei den Tataren) und das Festmahl werden als sozialistische/säkuläre Tradition wahrgenommen, die vom religiösen Kontext getrennt ist. Daher ruft die Teilnahme an den neuenjährigen und nicht an den Weihnachtsfesten, nicht bei vielen internen Konflikten auf. Allerdings erinnern religiöse Würdenträger immer häufiger daran, dass die Teilnahme an diesen, scheinbar säkularen Ritualen unzulässig ist, wenn sie heidnische oder christliche Wurzeln haben.
Theologisch: Tiefe Verehrung des Propheten Iesa als wichtiger Figur des Islams, aber vollständige Ablehnung der christlichen Lehre, die mit seiner Geburt verbunden ist. Es gibt kein eigenes Fest in seiner Ehren.
Sociokulturell: Abhängig vom Kontext — von vollständiger Ablehnung und Nichtteilnahme (um Nachahmung zu vermeiden) bis zur selektiven Teilnahme an säkularen, familiären und gesellschaftlichen Aspekten des Festes als Akt der Achtung und Integration.
Historisch-regional: In Ländern mit langjährigen Traditionen des interkonfessionellen Dialogs ist das Verhältnis offener und feierlicher, in Ländern mit dominierendem konservativem Islam — enger.
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