Schneekreisel sind nicht einfach chaotische Bewegungen von Schneeflocken im Wind, sondern ein komplexes physikalisches Phänomen, das durch das Wechselsein von Luftströmen mit Hindernissen, Relief und thermischer Unregelmäßigkeit der Oberfläche entsteht. Diese Wirbel, von kleinen «Schneemonstern» bis hin zu massiven Schneestürmen, unterliegen den Gesetzen der Hydrodynamik, Thermodynamik und Kristallographie und stellen miniaturisierte atmosphärische Modelle der Turbulenz dar.
Der Schlüsselprinzip ist Turbulenz, d.h. unordentliches, Wirbelbewegungen von Luft. Für die Entstehung des Kreislaufs sind erforderlich:
Veränderung der Windgeschwindigkeit: Unterschied in der Windgeschwindigkeit auf verschiedenen Höhen oder zwischen benachbarten Luftmassen. Dies erzeugt einen Drehmoment.
Hindernis oder Unregelmäßigkeit: Gebäude, Hügel, Windschutzhecke, plötzlicher Temperaturunterschied der Oberfläche (z.B. warmer Asphalt im Vergleich zu Schnee). Beim Umfließen des Hindernisses bildet die Luft Karman-Wirbelwege — Ketten von abwechselnden Wirbeln.
Konvektion: Die erhitzte Oberfläche durch die Sonne (sogar im Winter kann dunkler Asphalt wärmer als Schnee sein) erzeugt aufsteigende Ströme. Wenn sie mit dem horizontalen Wind zusammenstoßen, winden sie sich und bilden konvektive Wirbel.
Der Schnee ist in diesem Fall ein idealer Visualisator dieser unsichtbaren Luftströmungen. Leichte Schneeflocken, insbesondere in Form von Dendriten (Sterne), besitzen eine große Segelbarkeit und folgen empfindlich den kleinsten Bewegungen der Luft, machen die Struktur der Turbulenz für das nackte Auge sichtbar.
1. Erdnahe Schneewirbel («Schneemonster»): Kleinskalige (von 0,5 bis 5 Metern im Durchmesser), kurzlebige (Sekunden-Minuten) Wirbel, ähnlich wie Staubwirbel. Sie bilden sich unter folgenden Bedingungen:
Starke Geschwindigkeitsänderung des Windes an der Oberfläche.
Helles Sonnenlicht, das einen lokalen Erwärmung und Konvektion erzeugt.
Beispiel: Charakteristisches Kreisen über einer geräumten Schneeschneise im Vergleich zu Schneewällen. Die dunkle Oberfläche der Schneeschneise erwärmt sich stärker, was einen aufsteigenden Strom erzeugt, der vom Wind gewirbelt wird.
2. Wirbeltracking hinter Hindernissen (aerodynamische Wirbel):
Unterwindwirbel: Hinter einem Gebäude oder einem anderen Hindernis entsteht eine Zone des Unterdrucks und der Turbulenz, wo der Schnee in chaotischen, oft absteigenden Strömen kreist. Dies ist eine gefährliche Zone für Fußgänger, wo der Schnee die Augen blenden und Schneewälle aufschütten kann.
Winkelwirbel: Ecken von Gebäuden sind natürliche Generatoren von Wirbeln. Der Wind, der einen Winkel umfliegt, ändert plötzlich seine Richtung und Geschwindigkeit, was starke vertikale Wirbel erzeugt, die Schnee auf eine erhebliche Höhe heben können.
3. Grossskalige Phänomene: Schneestürme und Schneegewitter.
Schneegewitter: Der Transport von Schnee durch den Wind direkt über der Oberfläche (bis zu 1,5-2 m) ohne Neubildung von Niederschlägen. Schneeflocken bewegen sich durch Sprünge (Saltation) und Kugeln, was den Eindruck eines fließenden, «kreisenden» Stroms erzeugt. Es bildet charakteristische Wellenformen — Schneezäsur.
Niederschlagssturm: Ein stärkerer Transport von Schnee von der Oberfläche auf eine Höhe von einigen Metern, bei dem die Sichtbarkeit drastisch verschlechtert wird. Hier ist das Kreisen chaotisch, turbulent über den gesamten Volumen.
Das Kreisen des Schnees ist ein Agent der Bildung spezifischer Reliefformen:
Schneezäsur: Harte, gestreckte nach dem Wind gerichtete Kämme und Rillen auf der Schneoberfläche. Sie bilden sich durch das langfristige Einwirken des durch den Wind transportierten Schnees, der wie ein Abriebstoff wirkt, indem er einige Bereiche abbläst und andere aufbaut. Ihre scharfen Ränder sind immer nach dem Wind orientiert und dienen als natürlicher Kompass.
Schneewentifakte: Seltene Formationen, ähnlich den Wüsten «Kamelensteinen». Unter bestimmten Bedingungen (starker Wind, verhärteter Schnee) können Ströme in der Schneeschicht seltsame Formen mit scharfen Kanten ausgraben.
Meteorologie und Klimatologie: Die Überwachung von Schneewirbeln hilft bei der Untersuchung der Turbulenz des Grenzschichtatmosphäres, der Modellierung des Massen- und Energieübergangs. Dies ist wichtig für die Vorhersage von Schneestürmen und der Schneedecke.
Luftfahrt und Bauwesen: Die Berücksichtigung der Wirbelspuren hinter Gebäuden ist entscheidend für die Planung von Flughäfen, Hochhäusern und sogar der städtischen Umgebung, um Schneebedeckungen und gefährliche Zonen mit null Sichtbarkeit zu minimieren.
Polarforschung: Die Untersuchung des Schnees transportiert durch den Wind (Deflation) ist notwendig, um das Massenbalance von Gletschern und Eisschildern zu verstehen, was ein wichtiger Parameter in Klimamodellen ist.
«Schneetornados» in der Antarktis: Auf antarktischen Stationen werden starke bodennahe Wirbel beobachtet, die hundert Kilogramm Schnee in die Luft heben können. Sie sind nicht mit konvektiven Wolken verbunden, wie klassische Tornados, sondern entstehen aufgrund des extremen Windwechsels und der homogenen Eissurface.
Phänomen der «Schneeschuhe» (snow rollers): Unter bestimmten Bedingungen (feuchter Schnee, leichte Kälte, starker Wind) können Schneeklumpen spontan rollen, perfekte Zylinder bilden, die wie Heuballen aussehen. Dies ist ein Beispiel für den Drehmoment des Windes, das an den Schneeplast übertragen wird.
Marsische Schneewirbel: Auf dem Mars werden auch Wirbel (Staubteufel) beobachtet, die im Winter in den polaren Regionen Schnee aus festem Kohlendioxid («trockener Schnee») transportieren und kreisen können. Die Untersuchung dieser hilft, die atmosphärische Dynamik eines anderen Planeten zu verstehen.
Das Kreisen des Schnees ist ein mächtiges künstlerisches Bild. In der Literatur und im Film symbolisiert es oft Täuschung, Orientierungslosigkeit, Chaos, aber auch Magie, Wandlung. Ein klassisches Motiv ist der Held, der in einem kreisenden Schneesturm spaziert, was seine inneren Zerrüttungen widerspiegelt. Andererseits schafft das ruhige Kreisen der Schneeflocken im Licht einer Laterne das Bild von Gemütlichkeit, Enge und Kontemplation («Schneeball»).
Das Kreisen des Schnees ist ein sichtbarer Dialog zwischen dem unsichtbaren Luft und der kristallinen Form des Wassers. Es dient als anschauliche Illustration der grundlegenden Gesetze der Atmosphärenphysik, die in der alltäglichen Realität wirken. Vom mikroskopischen Drehen einer einzigen Schneeflocke bis hin zu gigantischen Wirbeln von Schneestürmen verbindet dieses Phänomen die wissenschaftliche Strenge der Hydrodynamik mit ästhetischer und symbolischer Tiefe. Das Verständnis seiner Mechanismen ermöglicht nicht nur die Vorhersage gefährlicher Ereignisse und die Planung der Umgebung, sondern ermöglicht auch einen neuen Blick auf die, scheinbar alltägliche winterliche Szene, indem in tanzendem Schnee die komplexe und perfekte Dynamik der natürlichen Kräfte sichtbar wird.
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