Der Roman „Kleine Dorrit“ (1855–1857) von Charles Dickens ist eine komplexe literarische Untersuchung der Verbindung zwischen wahrer moralischer Pflicht und sozialen Lastern – Überheblichkeit, Eitelkeit und Vorurteilen. Dickens betrachtet, wie soziale Institutionen und persönliche Ambitionen grundlegende ethische Imperative verzerren und ein System allgemeinen Heuchlertums schaffen.
„Kleine Dorrit“ ist einer der düstersten und gesellschaftskritischsten Romane von Dickens. Seine zentrale Metapher ist das Marshalsea-Gefängnis, in dem die Familie Dorrit wegen Schulden eingesperrt ist. Doch das Gefängnis ist hier nicht nur physisch. Es symbolisiert die allgemeine Gefangenschaft in den strengen Konventionen, finanziellen Systemen und sozialen Vorurteilen des viktorianischen Englands. Parallel dazu funktioniert das „Ministerium der Umstände“ – eine bürokratische Hölle, in der Angelegenheiten unter sinnlosen Prozeduren begraben werden. Diese beiden Institutionen illustrieren zwei Gesichter der Überheblichkeit: die private (basierend auf Geld und Herkunft) und die staatliche (basierend auf Macht und Verantwortungslosigkeit).
Interessante Tatsache: Dickens, dessen Vater einst eine Haftstrafe im Schuldengefängnis verbüßte, kannte die erniedrigende Lebensweise sehr gut. Mit der Figur des William Dorrit zeigte er, wie Scham sich in Größenwahn verwandeln kann.
Die wahre moralische Pflicht im Roman verkörpert Amy (Kleine) Dorrit. Ihre Pflicht ist bedingungslose Liebe und Fürsorge für Vater und Schwester, die Bewahrung der menschlichen Würde unter erniedrigenden Umständen. Sie erfüllt diese still und ohne Erwartung einer Belohnung, gestützt auf innere Ehrlichkeit. Diese organische Pflicht steht im Gegensatz zur künstlichen Pflicht, die von der Gesellschaft auferlegt wird.
Pflicht als Eitelkeit (Familie Dorrit). Nachdem sie reich geworden sind, übernehmen William Dorrit und seine älteren Kinder, Fanny und Tip, sofort den Kodex aristokratischer Überheblichkeit. Ihre „Pflicht“ besteht nun darin, ihre Vergangenheit zu verbergen, ehemalige Zellengenossen zu verachten und demonstrativen Luxus zu zeigen. Sie werden zu Sklaven der Vorurteile, die sie selbst kürzlich noch verabscheuten. Die Pflicht gegenüber der Familie (das Opfer von Amy zu bedenken) wird durch die Pflicht gegenüber einer gespenstischen „öffentlichen Meinung“ ersetzt.
Pflicht als Vorurteil (Familie Meagles). Arthurs Klennams Mutter, Mrs. Klennem, ist die lebendige Verkörperung verzerrter religiöser Pflicht. Ihre strenge puritanische Überheblichkeit, gegründet auf den Glauben an Erwähltheit und Strafe für Sünden, ist frei von Barmherzigkeit und Liebe. Sie nutzt den Begriff der Pflicht als Werkzeug der Kontrolle und Unterdrückung, rechtfertigt damit jahrzehntelanges Verbergen eines Testaments und moralische Qualen. Ihre Askese ist eine Form geistiger Eitelkeit.
Pflicht als bürokratisches Ritual (Ministerium der Umstände). Hier ist die Pflicht gegenüber der Gesellschaft völlig entleert. Beamte wie Barnacle führen die Rituale der Papierweitergabe aus und erheben bürokratische Verfahren zum Absoluten. Ihre Überheblichkeit basiert auf der Zugehörigkeit zu einem undurchdringlichen System, das über den Schicksalen einzelner Menschen steht, wie dem Erfinder Doyce.
Arthur Klennem ist eine Figur, die zwischen zwei Auffassungen von Pflicht hin- und hergerissen ist. In einer Atmosphäre düsterer Pflicht-Strafe erzogen, strebt er instinktiv nach Pflicht als Dienst. Er versucht, den Dorrits zu helfen, den Fall Doyce zu untersuchen, fühlt sich verantwortlich für die Sünden der Familie. Seine Tragödie ist, dass er nicht wegen Verschwendung, sondern wegen ehrlicher, aber missglückter Investitionen ins Schuldengefängnis gerät – das System bestraft ihn für die Ausübung wahrer und nicht scheinbarer Pflicht. Sein Fall ist die bitterste Anklage gegen die gesellschaftliche Ordnung.
Interessante Tatsache: Kritiker bemerken, dass „Kleine Dorrit“ der erste große Roman Dickens’ ist, in dem ein glückliches Ende ohne Idylle dargestellt wird. Klennams Bankrott und die bescheidene Heirat mit Amy sind kein Triumph der Gerechtigkeit, sondern ein stiller Hafen für zwei vom System „gebrochene“ Menschen, die Trost nicht im Reichtum, sondern in gegenseitiger Unterstützung finden.
Der Höhepunkt der Untersuchung der Überheblichkeit ist die Szene in Rom, in der Mr. Dorrit bei einem festlichen Abendessen einen Trinkspruch hält und in Wahn verfällt, sich wieder als „Gentleman des Marshalsea“ fühlend. Dieser öffentliche Zusammenbruch ist die sofortige Zerstörung der gesamten Konstruktion sozialen Dünkelns, die auf Geld aufgebaut ist. Vorurteile und Überheblichkeit erweisen sich als fragile Fassade, die der Wahrheit der Vergangenheit nicht standhält. Wahr bleibt nur die stille Pflicht von Amy, die ihn in diesem Moment unterstützt, wie sie es immer getan hat.
„Kleine Dorrit“ ist eine umfassende Parabel darüber, wie eine von Klassendenken, finanziellen Ambitionen und bürokratischer Gefühllosigkeit besessene Gesellschaft die Idee moralischer Pflicht systematisch verfälscht. Wahre Pflicht (Barmherzigkeit, Treue, Ehrlichkeit) wird marginalisiert und existiert am Rande – in den Seelen „kleiner“ Menschen wie Amy, John Chivery oder sogar Arthur Klennem. Gleichzeitig wird falsche Pflicht – gegenüber Konventionen, Karriere, Ruf – zur höchsten sozialen Tugend erhoben. Dickens bietet keine einfachen Lösungen: der Zusammenbruch des Ministeriums der Umstände und der Finanzpyramide von Merdle erschüttert die Gesellschaft nur kurz. Er behauptet jedoch, dass der einzige Weg zur Freiheit der innere Ausbruch aus dem Gefängnis der Vorurteile durch Übernahme von Verantwortung ist, die nicht auf Angst oder Stolz, sondern auf Mitgefühl beruht. Das Ende des Romans, in dem die Figuren die Gefängnistore in eine arme, aber ehrliche Welt verlassen, ist kein Triumph, sondern ein schwer errungener Sieg der persönlichen Moral über allumfassenden gesellschaftlichen Heuchler.
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