Am 7. Juli, wenn das sommerliche Himmel besonders klar ist und die Milchstraße durch die Abendnebel hervortritt, beginnt in Japan ein Moment, den man das ganze Jahr über herbeisehnt. Das ist Tanabata — ein Fest, das als Sternenfest bekannt ist, der Tag, an dem zwei Sterne, Vega und Altair, die durch den Himmelsgang getrennt sind, endlich das Recht erhalten, sich zu treffen. Aber Tanabata ist nicht nur eine alte Legende. Es sind lebendige Traditionen, leuchtende Dekorationen, Papierrollen mit Wünschen und eine ehrliche Überzeugung, dass selbst die weitesten Träume in Erfüllung gehen können, wenn man sie auf einer bunten Streifen schreibt und sie am Bambus hängt. Und obwohl dieser Festtag in China geboren wurde und in Japan blühte, hat er heute weit über die Grenzen des Landes des aufgehenden Sonntags hinausgegriffen, und findet in Herzen der Menschen auf der ganzen Welt einen Echos.
Der Grundstein von Tanabata ist eine alte chinesische Legende, die im Laufe der Zeit ihr eigenes japanisches Gesicht erhalten hat. Einst lebte am Himmel die schöne Orihime, Tochter des Himmelsherrschers. Sie war eine begnadete Weberin und tatkam Tag für Tag erstaunliche Kleidung für die Götter. Aber ihre Seele sehnte sich nach Liebe. Eines Tages traf sie Hikoboshi — einen jungen Hirten, der Kühe auf der anderen Seite der Milchstraße hielt. Sie verliebten sich, heirateten und waren so glücklich, dass sie ihre himmlischen Pflichten vergaßen. Orihime stoppte das Weben, Hikoboshi hielt auf mit dem Weiden der Kälber. Der zornige Himmelsherrscher trennte die Verliebten für immer, indem er sie durch den Milchstraße trennte. Doch gerührt von den Tränen seiner Tochter, erlaubte er ihnen, einmal im Jahr — am siebten Tag des siebten Monats — sich zu treffen. Seitdem in dieser Nacht, wenn es nicht regnet, sammeln die Störche ihre Flügel und bauen eine Brücke über den Himmelsgang, und die Verliebten vereinen sich für einen Moment, während die Sterne Vega (Orihime) und Altair (Hikoboshi) im Himmel leuchten.
Tanabata kam in das Land des Aufgehenden Sonntags aus China im Zeitalter der Nara, etwa im 8. Jahrhundert. Im Jahr 755 präsentierte Kaiserin Koken diesen Festtag erstmals am kaiserlichen Hof. Damals hieß er «Fest der Berufskraft» und war mit dem Handwerk der Weberei und der Kaligraphie verbunden. Im Zeitalter der Heian (794–1185) wurde Tanabata ein Hoffest: Aristokraten dichteten Gedichte, während sie auf die Sterne blickten, und wetteiferten um die Eleganz des Stils. Allerdings erlangte das Fest seine eigentliche Volksliebe im Zeitalter der Edo (1603–1868), als es mit den lokalen Bräuchen und Traditionen des Festivals Obon verschmolz. Damals wurde die Tradition eingeführt, Wünsche auf bunnen Papierstreifen zu schreiben und sie am Bambus aufzuhängen, und Tanabata wandelte sich in das farbenfrohe Ereignis, das wir heute kennen.
Der bekannteste Ritus von Tanabata ist das Schreiben von Wünschen auf schmale bunte Papierstreifen, die Tanzaku heißen. Sie werden an Bambusstämmen aufgehängt, die für Wuchs und Bestrebung nach oben, zu den Himmel symbolisieren. Man glaubt, dass der Wind diese Wünsche zu den Sternen trägt, und dass sie unbedingt in Erfüllung gehen werden. Traditionelle Farben von Tanzaku sind blau (oder grün), rot, gelb, schwarz (oder lila) und weiß — und symbolisieren die fünf Elemente der chinesischen Philosophie: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser.
Aber Tanabata ist nicht nur Tanzaku. Bambusstämmen werden mit bunten Bändern geschmückt, mit Origami in Form von Enten, Brieftaschen und Netzen. Jedes Dekorationsstück hat einen eigenen Sinn: Die bunten Bänder symbolisieren die Fäden, mit denen die Weberin Orihime ihre Kleidung schuf, die Enten — Langlebigkeit, und die Brieftaschen — Wohlstand. In einigen Regionen gibt es die Tradition, nach dem Fest das geschmückte Bambus in den Fluss zu setzen oder zu verbrennen, damit die Wünsche direkt ins Himmel gehen.
Natürlich kann ein Fest ohne Speisen nicht auskommen. Am Tag des Tanabata ist es üblich, dünne Somen-Spaghetti zu essen, die an die Seidenfäden erinnern — das Symbol des Webengewerbes von Orihime. Und noch mehr — Süßigkeiten und Früchte, die als Opfer den Sternen gebracht werden.
Tanabata wird in jedem Region von Japan unterschiedlich gefeiert. Der Haupttermin ist der 7. Juli nach dem gregorianischen Kalender, aber in einigen Gebieten wird der Festtag auf August verschoben, damit er mit dem Mondkalender und der Zeit übereinstimmt, wenn die Milchstraße besonders hell sichtbar ist. Der berühmteste Festivals ist der in der Stadt Sendai, Präfektur Miyagi. Er findet vom 6. bis 8. August statt und zieht Millionen von Touristen an. Die zentralen Straßen der Stadt verwandeln sich in zauberhafte Freiluftgalerien: Riesige Papierkugeln, gigantische Tanzaku und kunstvoll gefertigte Dekorationen schweben über dem Kopf der Passanten. In Sendai ist Tanabata nicht nur ein Fest, sondern ein echtes Wettbewerb der Dekorationskünstler.
Ein weiteres großes Fest findet in der Stadt Hiraizuka, Präfektur Kanagawa, statt. Dort dauert das Fest mehrere Tage und umfasst Prozessionen, Tänze, Feuerwerksvorführungen und Wettbewerbe. Die Menschen tragen traditionelle Kimonos und tauchen in die Atmosphäre des unbeschwernten Vergnügens ein. Aber selbst wenn man auf einem großen Fest nicht dabei ist, kann man Tanabata zu Hause feiern: Eine Bambustriebe im Garten oder auf dem Balkon stellen, ein Wunsch auf einem Tanzaku schreiben und die wertvollste Träume wünschen. In Japan tun das Familien, in Schulen, in Einkaufszentren und sogar auf Bahnhöfen — überall, wo man Bambus und einen Teil bunter Papier finden kann.
Obwohl Tanabata ein japanischer Festtag ist, kennt seine Magie keine Grenzen. Dank der japanischen Diaspora und dem kulturellen Austausch wird der Sternenfest heute in vielen Ländern der Welt gefeiert. In den USA, besonders in Kalifornien, Washington und auf Hawaii, finden japanische kulturelle Festivals statt, bei denen unbedingt ein Platz für Tanabata ist: Bäume der Wünsche, Workshops für die Herstellung von Tanzaku, Auftritte und Vorträge. Diese Veranstaltungen werden nicht nur zu einem Mittel, um das Erbe zu bewahren, sondern auch zu einer Möglichkeit für Menschen aus verschiedenen Kulturen, sich der japanischen Tradition zu nähern.
In Brasilien, wo eine der größten japanischen Diaspora außerhalb Japans lebt, wird Tanabata ebenfalls groß gefeiert. Lokale Gemeinschaften treffen sich, um Wünsche zu schreiben, Bambus zu dekorieren und Festzüge zu veranstalten. In Europa, Australien und sogar in Russland, zum Beispiel in Orenburg, finden Festivals statt, die sich dem Tanabata widmen. Die Menschen kommen, um sich über die Legende zu informieren, ein Wunsch auf buntem Papier zu schreiben und sich Teil einer alten, aber lebendigen Tradition zu fühlen.
Interessanterweise wird Tanabata in einigen Ländern, zum Beispiel in den USA, nicht am 7. Juli, sondern an anderen Tagen, zum Beispiel am 1. September, gefeiert, um sie mit anderen kulturellen Ereignissen zu verbinden. Aber die Essenz bleibt unverändert: Es ist ein Fest der Liebe, der Hoffnung und der Überzeugung, dass selbst die ungewöhnlichsten Träume in Erfüllung gehen können.
In der Ära der digitalen Technologien und der Globalisierung behält Tanabata seine Kraft genau dlatego, dass er von ewigen Dingen spricht: von Liebe, die Distanzen überwindet, von der Hoffnung, die in jedem von uns lebt, und davon, dass ein Wunder einmal im Jahr möglich ist. Ein Wunsch auf einem Tanzaku zu schreiben ist nicht nur ein Ritual. Es ist ein Moment der Pause, in dem wir uns erlauben, zu träumen, an das Beste zu glauben und unsere Träume dem Wind, den Sternen und dem Fluss der Zeit anzuvertrauen. Und wenn wir unser Tanzaku am Bambus aufhängen, schließen wir uns Millionen von Menschen auf der ganzen Welt an, die an diesem Tag dasselbe tun.
Tanabata erinnert uns daran, dass die Sterne, die wir heute sehen, von unseren Vorfahren gesehen wurden, und dass Liebe, wie Träume, keine Grenzen kennt — weder zwischen Himmel und Erde noch zwischen Ländern und Kulturen. Und vielleicht genau aus diesem Grund lebt der Sternenfest und inspiriert Menschen schon über tausend Jahre.
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