Das Alter ist nicht einfach das Erwachsensein. Es ist ein sozialer Konstrukt, der in verschiedenen Epochen und Kulturen ganz verschiedene Bedeutungen hatte. An manchen Orten wurden Ältere als Weisheitsbringer verehrt, an anderen wurden sie aus der Gemeinschaft ausgestoßen, wenn sie nicht mehr nützlich waren. Die Haltung gegenüber älteren Menschen ist ein Spiegel, der weniger den eigenen Alter widerspiegelt als die Werte der Gesellschaft.
În den antiken Kulturen wurde das Alter unterschiedlich wahrgenommen. In Ägypten, Indien, China und Griechenland wurden Ältere respektiert. Ihr Erfahrungswissen galt als wertvoll, und man hörte ihnen zu. In der Bibel steht: «Stehe vor dem Alt und Ehrwürdigen» — das ist eine Formel des Respekts. Allerdings wurden in Sparta Ältere, die nicht mehr kämpfen konnten, nicht geschätzt. In Rom gab das Alter politische Macht, aber der Philosoph Seneca schrieb: «Das Alter ist eine unheilbare Krankheit». Respekt und Missachtung existierten nebeneinander.
In der christlichen Europa wurde das Alter oft mit dem Nähersein an Gott in Verbindung gebracht. Ältere Mönche, Einsiedler, Ältere genossen Autorität. Allerdings wurden Ältere in der Volkstradition oft als Hexen dargestellt. Die Renaissance brachte die Kultur der Jugend, der Schönheit und des Verstandes. Das Alter wurde als Abstieg, als Verlust der Kräfte wahrgenommen. Ältere wurden in der Kunst und Literatur oft als komische Gestalten oder tragische Figuren dargestellt.
Die industrielle Revolution machte das Alter zu einem „Problem“. In agrarischen Gesellschaften gehörten Ältere zur Familie und zum Haushalt. In den Städten und auf den Fabriken wurde von Menschen Geschwindigkeit und physische Kraft verlangt. Ältere wurden als Last wahrgenommen. Im 19. Jahrhundert entstanden die ersten Altersheime — nicht als Ort der Ehre, sondern der Isolation. Allerdings wurden in Literatur und Philosophie Stimmen für das Alter erhoben. Lew Tolstoi suchte nach dem Sinn im Altern. Tschechow schrieb über das Ansehen.
Das 20. Jahrhundert wurde zum Jahrhundert des Kampfes für die Rechte der Älteren. Renten, soziale Garantien, medizinische Hilfe wurden eingeführt. Gleichzeitig wuchs die Einsamkeit. Die städtische Lebensweise, das Generationensplitting, der schnelle Wandel machten die Älteren zu „Fremden“. In der Kultur entstand der Cult der Jugend. Werbung, Film, Mode — alles war an die Jungen gerichtet. Das Alter wurde zu etwas, das vermieden, versteckt, gefärbt werden sollte.
Im 21. Jahrhundert beginnen wir, das Alter neu zu bewerten. Die Lebenserwartung wächst, und es gibt mehr Ältere. Die Gesellschaft kann ihre nicht mehr ignorieren. Neue Begriffe tauchen auf: «Aktives Altern», «Altersbonus», «Silberwirtschaft». Allerdings bleibt die Haltung ambivalent. Einerseits schätzen wir den Erfahrungswert, andererseits fürchten wir das Alter, verschieben es in die Zukunft, streiten über ewige Werte.
Die Haltung gegenüber älteren Menschen in der Kultur spiegelt immer die Haltung zur Tod und zum Leben wider. Eine Gesellschaft, die die Älteren ehrt, ehrt auch ihre eigene Vergangenheit. Eine Gesellschaft, die sie ablehnt, lehnt auch ihre unvermeidliche Bestimmung ab. Jede Epoche schuf ihren eigenen Bild des Älteren: Weisheit, Scherz, Tyrann, Opfer. Heute schaffen wir ein neues Bild. Möglicherweise endlich — das Bild eines Menschen, der nicht abgeschlossen ist, sondern einfach in einer anderen Zeit ist.
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