10. Juni 2026. Köln. Eine Stadt, die Bombenangriffe und Ruinen kennt, aber nie die Namen vergisst. An diesem Tag und am nächsten, dem 11. Juni, tauchten auf den Kölner Bürgersteigen 65 neue Bronzesteine auf. Stolpersteine. Der 3000. Stein in der Geschichte der Stadt. Eine Zeremonie, die zwei Tage dauerte, wurde mehr als nur eine Formalität, sondern ein Akt des Bürgermutes und der Familiengedenkens.
Stolpersteine sind Bronzeplatten von 10 auf 10 Zentimetern, die in die Gehwege vor den Häusern eingelassen wurden, in denen früher NS-Opfer lebten. Der Initiator des Projekts ist der deutsche Künstler Gunter Demnig. Seit 1992 hat er persönlich über 100 000 Steine in ganz Europa installiert. Auf jedem Stein ist ein Name, Geburtsdatum, Datum der Deportation und der Todestätte eingraviert. Die Idee: Du gehst die Straße entlang, neigst dich (Stolperstein) und liest. Du erinnerst dich. Du lässt nicht vergessen.
Am 11. Juni 2026 wurde ein doppelter Jubiläumstag. Auf der Rubensstraße 25-27 wurde der 3000. Stein in Köln verlegt. Er ist der Hannah Grünbaum gewidmet. Hannah war Jüdin, wurde 1942 deportiert und starb im Lager. Die Verwandten von Hannah, die durch Archive gefunden wurden, reisten aus Israel und den USA zur Zeremonie an. Sie weinten, als der Stein in den Bürgersteig eingesetzt wurde. Gunter Demnig, der jetzt fast 80 Jahre alt ist, war persönlich anwesend und half bei der Verlegung der Platten.
Am 10. Juni fand auf der Fischenheimerschstraße 58 eine Zeremonie für die Familie Neuharten statt. Kurt Neuharten, seine Frau Grete und ihre beiden Kinder. Alle wurden im Auschwitz ermordet. Die Nachbarn, die jetzt in diesem Haus wohnen, gingen mit Blumen heraus. Sie sagten: «Wir wussten es nicht, aber jetzt werden wir uns erinnern». Auf einer anderen Straße, der Kalshoerer Weg 29, wurden Steine für Otto Richter installiert, der 1944 wegen «Vorbereitung zum Hochverrat» hingerichtet wurde. Otto war Kommunist. Seine Enkeltochter, eine 20-jährige Frau, las ein Gedicht auf Deutsch und Hebräisch vor.
Am Morgen des 10. Juni wurden um 9:05 Steine für Josef Rosenbaum und seine Tochter Erna Marta Dahl auf der Spichernstraße 8 und 10 verlegt. Josef war Kaufmann und Mitglied des Kölner Alpenclubs. Er wurde 1935 aus dem Club ausgeschlossen. Seine Tochter Erna war mit einem «Arier» verheiratet, aber das rettete sie nicht. Sie wurden nach Riga deportiert, wo sie umkamen. Der Alpenclub schickte eine Delegation, um sich zu entschuldigen. Sie legten Edelweiß auf die Steine.
Jeder Stein ist Handarbeit. Zunächst graviert der Schmied die Buchstaben in die Bronze, dann entfernen die Arbeiter einen Teil der Gehwegfliese, setzen den Stein in Zementmörtel ein. Das dauert etwa 15 Minuten. Auf der Zeremonie sind in der Regel anwesend: der Künstler Demnig oder seine Helfer, Vertreter der Stadt, Schüler, Nachbarn, Verwandte (falls sie gefunden werden). Der Stein wird genau dort gelegt, wo der Hauseingang war. Symptomatisch: Du tritt darauf, aber das Wichtigste ist, dich hinzuknicken. Das Gedenken erfordert Anstrengung.
Der erste Stein in Köln wurde 2003 verlegt. Seitdem ist die Stadt einer der führenden in Deutschland bei der Anzahl der Stolpersteine. Dies wurde durch das NS-Dokumentationszentrum koordiniert, das die Suche nach Opfern und den Kontakt mit Verwandten koordiniert. Im Jahr 2026 feierte das Museum sein 30-jähriges Bestehen. Der Direktor des Museums, Werner Jung, sagte auf der Zeremonie: «Jeder Stein ist ein Mensch, nicht eine Zahl».
Nicht alle in Köln unterstützen das Projekt. Einige Hauseigentümer weigern sich, die Steine in den Gehweg einzubetten, da sie es als «Verunstaltung» betrachten. Es gibt auch Kritik: Die Steine sollten nicht auf dem Boden sein, auf dem man darauf tritt. Demnig entgegnet: «Wir treten auf die Vergangenheit, aber sollten sie nicht zertreten». Im Jahr 2026 gab es mehrere Proteste, aber die Zeremonien verliefen ohne Vorfälle.
Viele Zeremonien wurden von Schülern besucht. Ihnen wurden Broschüren mit den Biografien der Opfer verteilt. Die Lehrer diskutierten dies dann auf den Geschichtsunterricht. Die Stolpersteine sind nicht nur Denkmäler, sondern «Straßenlektionen». Jedes Jahr reinigen in Köln Freiwillige die Steine von Schmutz und Oxiden. Dies ist auch ein Ritual.
Vom 10. bis 11. Juni 2026 hat Köln 65 Namen zu seinem Gedenkverzeichnis hinzugefügt. Tausende von Menschen gingen an diesen Steinen vorbei, ohne sie zu bemerken. Aber diejenigen, die stehenblieben, sich hingelegt und gelesen haben, haben sich erinnert. Die Zeremonie der Steinverlegung ist ein Versprechen. Ein Versprechen, nicht zu vergessen. Solange es Steine gibt, gibt es auch eine Erinnerung: «Nie wieder».
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